Ich stehe vor der Oberin, mit Armensündermiene, am ganzen Körper bebend wie Espenlaub. Bevor sie noch ein Wort gesprochen, sinke ich in die Knie: „Verzeihung“ — ich presse die Worte mühsam unter Tränen hervor.— „das eine — einzigemal, — ich werde nie wieder — so was thun. Gewiß — ich will mir — viel Mühe geben — nur nichts Papa sagen — das eine Mal.“

„Steh’ auf, kleine Comödiantin. Wer stiehlt, der lügt auch. Ich glaube nicht an Deine Vorsätze. Du bist ein grundverdorbenes Geschöpf und mußt gestraft werden. Geh’! Mère Walter, da sie dem ganzen Pensionat Ärgernis gegeben, bestehe ich darauf, daß sie öffentlich Abbitte leistet. Der Brief an ihre Eltern ist unterwegs. Ein arger Schlag für ihren rechtlich gesinnten Vater.“ Damit bin ich entlassen.

Wir kehren in den Studiensaal zurück. Es flimmert mir nur so vor den Augen. Jetzt würden es Alle erfahren.

„Meine Kinder“, beginnt Mère Walter salbungsvoll, „ich habe Ihnen eine sehr traurige Mitteilung zu machen. Mimi Steindorf, sag’ dreimal laut und deutlich hintereinander: „Ich habe gestohlen; meine Schwestern in Christo, verzeihen Sie mir.““

Ein Zischen der Entrüstung dringt an mein Ohr — dann spreche ich mit einer mir völlig fremden Stimme die anklagenden Worte nach.

Alles geht mir aus dem Wege. Ich sitze in der hintersten Reihe und wage nicht den Blick zu erheben. Ich suche mir einzureden, daß nicht mein „Ich“ das Schreckliche gethan, nein, eine ganz andere Person, die in gar keinen Zusammenhang mit mir steht und die ich ihrer unglaublichen Dummheit halber verachte. Da sie sich schon fremdes Eigentum angeeignet, hätte sie es doch weniger plump anstellen sollen. Die böse Handlung an und für sich schmerzt mich weit weniger als die Entdeckung.

Ich hatte mit der Zeit einen recht ansehnlichen Vorrat aufgespeichert, was mir eben zufällig unter die Hand kam. Bücher, Lehrgegenstände, einen Spielball und vier Paar Bedientenhandschuhe, das Alles verschwand in meinen Taschen, während diensteifrige Commis Mama ihre Waaren anpriesen. Heute wollte ich gerade die Handschuhe zerschneiden und meiner Puppe Strümpfe daraus machen. Es fällt mir inmitten meiner ernsten Reflexionen ein und die Vereitelung des Spaßes erfüllt mich mit Ärger. Wer weiß, was mir überhaupt nach Schulschluß bevorstand?

Genug, um es mir zu merken mein Leben lang.

Ohne erst viel Worte zu verlieren, legte mich Papa aufs Bett und bläute mich so unbarmherzig durch, daß ich die Schmerzen eine volle Woche spürte. Ich schrie aus Leibeskräften, strampfte mit den Füßen und schlug mit den Händen um mich; es half Alles nichts. Dann sperrte er mich in eine stockfinstere Kammer, von der er mir erzählt, es gehe darin um. Eulen, Ratten, Schlangen und noch viel Ärgeres.

Ich schloß die ganze Nacht kein Auge und was ich damals empfunden, war so haarsträubend gräßlich, daß ich es auch nicht annähernd zu schildern vermag.