Die Rute stand permanent in Salzwasser, für den allfälligen Bedarf. Wir kamen noch wiederholt in Berührung und gewöhnten uns aneinander. Auch das Fasten, das stundenlange Knien auf Erbsen, es machte mir keinen Eindruck mehr. Völlig gleichgültig ließ ich Alles über mich ergehen, wie das liebe Vieh, das die Prügel erträgt, ohne sich zu wehren. Dumpfe Schwüle legte sich mir aufs Gemüt; ich fürchtete die Menschen und wagte sie nur mehr scheu von der Seite anzublicken.
Dabei sehnte ich mich unsäglich nach einem Wesen, das mich verstehen, mir Trost zusprechen und helfen sollte, mich zu bessern. Allein brächte ich es ja doch nie fertig. Ich war nicht schlecht aus Lust am „Schlechtsein“, sondern aus Schwäche, aus Mangel an einem Ansporn zum „Gutsein“.
Oft, wenn ich allein war, streckte ich die Hände aus, nach dem unerreichbaren Phantom. Und ich jubelte laut auf, als es Gestalt annahm, mir näher und näher kam und mich anblickte mit den Augen des Mitleids und der unendlichen Güte.
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„Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Tante Laura’s Hand hatte mich unter’s Kinn gefaßt und ich sah ihr in’s Gesicht. Und was ich in ihren Zügen las, drang mir wie heller Sonnenschein in’s Herz. Ein armes geängstigtes Vöglein, huschte es durch die geöffnete Käfigtüre, schwang sich wie neubelebt zum blauen Äther empor und schmetterte hoch in den Lüften seiner Befreiung Lied „Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Dieses eine sanfte gute Wort trieb die Dämonen aus und gab den guten Mächten Raum.
Endlich, endlich! Der kindliche Übermut, die alte Daseinsfreude kehrten wieder. Ich sprang auf, drehte mich herum wie ein Kreisel, unaufhaltsam, rastlos, bis ich erschöpft auf einem Stuhle niedersank.
„Nein, so ein Wildfang. Was hast Du denn nur?“ Und noch ganz atemlos erwiderte ich: „Ich bin so froh Tante, so froh. Nicht wahr, Du bleibst recht lange hier bei uns, — bei mir?“
„Wenn Du brav bist.“
„Ja, Tante, Dir zu Liebe.“ Sie blickte mich betroffen an; ich hatte es so eigens feierlich gesagt. Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf; ich ließ mich mit einem Spielzeug zu ihren Füßen nieder. Wir sprachen Beide nichts, aber eine Flut von Gedanken wälzte sich durch meinen Kopf. Mir war mit einem mal so wohl, so leicht zu Mute, wie nach einem lauen parfümierten Bad. Alle Hindernisse schienen mir wie weggeblasen und neue Zuversicht erfüllte mich. Und das Alles, weil mir ein Mensch begegnet war, der mir wohlwollte und mich nicht quälte wie die andern. Von meinen Eltern trennte mich eine Kluft — ich empfand es deutlich — ihnen Freude zu machen, dazu fehlte mir die Begeisterung. Sie zankten stets und ich fürchtete sie.
Im Studiensaale hing hinter Glas und Rahmen der goldgedruckte Spruch: „Alles zur Ehre Gottes“ und vor jeder Stunde wiederholten wir die gute Meinung. Lippensprache, weiter nichts, die kein Echo weckte in der Tiefe der Seele.