Die Entfernung war so weit. Der liebe Gott wohnte im Himmel und ich konnte mir nicht vorstellen, daß mein schwaches Stimmlein bis zu ihm dringe. Ich hatte mir ein ganz bestimmtes Bild von ihm gemacht. Ein alter Herr mit wallendem weißen Bart, der in eine blaue Draperie gehüllt auf einem Fauteuil sitzt. Er hat schrecklich lange fellige Ohren, die bis zur Erde reichen. Wie soll er denn sonst hören? Bisweilen runzelt er die Stirn und stampft mit dem Fuße, wenn gar zu viel Geschrei da unten ist und er aus dem Durcheinander nicht klug wird. Christine bittet, daß ich etwas anstellen und gestraft werden möge, Papa will Ministerialrat werden und Mama „Ruhe, Ruhe“ haben. Ich weiß nicht was es war, ich hegte kein besonderes Vertrauen zu ihm.

Wir saßen noch immer beim offenen Fenster; schillernde Wölkchen zogen über den Abendhimmel und sachte schlich die Dämmerung heran. Laue Frühlingsdüfte umwehten unser Haar und ein Schwalbenpaar schnäbelte auf dem gegenüberliegenden Dache. Ich blickte die Tante an und erschrack. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte bitterlich. Und das duldete der gerechte, barmherzige Gott? Also auch die Guten mußten leiden! Arme Tante.

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Wir hatten unsere schwarzen Winter-Capuchons gegen helle Leinwandhauben vertauscht, die unser Gesicht beschatteten und die grellen Sonnenstrahlen abwehrten. Ich beteiligte mich mit großem Eifer am Ballspiel und entschädigte mich so einigermaßen für das lange Stillsitzen. Übrigens, man gewöhnt sich an Alles und die angenehme Aussicht, daß meine Gegnerin Christine demnächst austreten sollte, versöhnte mich völlig mit meinem Schicksal.

Papa steckte bis über den Ohren in seiner Arbeit und Mama klagte ununterbrochen über die verschiedensten Zustände, die Doktor Vogler als hochgradige Nervosität bezeichnete. So blieb ich unter Tante Lauras Aufsicht und damit gab ich mich gern zufrieden.

Der Juni ist wunderschön in Wien. Wir setzten uns in das Gärtchen hinter dem Haus, sie mit einem Buch, ich mit meiner Puppe „Clementine“, die mit verständnislosen Glasaugen vor sich hinstarrte. Sie hatte eine zerquetsche Nase und eine Glatze, aber ich war ihr herzlich zugetan, trotz aller Mängel. Ich traktierte sie mit Sandkuchen und Maulbeeren, dann streute ich den Spatzen kleine Semmelkrummen auf. Zwitschernd, mit breitem Behagen picken sie die Stückchen an, sträuben das Gefieder und sind voll Übermut. Einer sucht dem Andern zuvorzukommen, ihn zu verdrängen und den eroberten Bissen im Notfall zu entreißen. Manche tragen einen Brocken ihrer Familie zu, die Ledigen halten an Ort und Stelle Tafel.

Sie kannten mich und kamen mir sehr nahe; das blinde Zutrauen dieser Tierchen rührte mich.

Tante Laura sprach wenig und blickte oft mit einem Ausdruck ins Leere, der mir in das Herz schnitt. Es lag etwas darin, das ich mir nicht zu erklären wußte und das mich seltsam berührte.

Papa war doch so gut mit ihr; wenn sie für mich bat, verzieh er gleich. Was wußte ich davon, daß sie ein einzigesmal für sich gebeten und — vergeblich. Liebe, Sehnsucht und Entsagung! Das Kloster ist bloß der Beginn; manche gehen aber den Dornenweg ihr Leben lang. Wenn ihre Kräfte nicht mehr reichen, dann legen sie sich hin und sterben, oder sie machen eine Agonie durch, die tausendmal schlimmer ist als Tod.

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