Sechs Gulden, 20 Kreuzer; es war das Ergebnis meiner Sparbüchse und schien mir ein Vermögen. Ich entwarf eine ausführliche Liste der Einkäufe für die bevorstehenden Ferien. Obenan, gewissermaßen als das Unentbehrlichste: Stoff, Spitzen und Bänder — Clementine brauchte dringend ein paar Kleider — dann Lern- und Schreibsachen, Nadeln, Seife und eine Menge anderer Dinge. Man kannte mich in den „27 Kreuzer-Bazars“ wie falsches Geld; die Ladenfräuleins lächelten sich zu, wenn ich eintrat, beantworteten geduldig meine ungezählten Fragen und da ich eine gute Kunde war, behandelten sie mich mit großer Zuvorkommenheit. Einmal weigerte ich mich, eine Vase zu kaufen, obwohl sie billig war und mir sehr gut gefiel: ich hatte nämlich 25 Kreuzer dafür bestimmt und sie kostete — nur 18. Ich neigte überhaupt ein wenig zur Pedanterie: Papa besaß diese Eigenschaft in hohem Grade, ich mochte sie von ihm geerbt haben.
Ich zeigte Dr. Vogler die wohlvermachten Päckchen und ließ ihn raten, was sie enthielten: mit engelgleicher Geduld unterzog er sich dieser schwierigen Aufgabe und brachte mir selbst allerlei Tribute.
Von Tag zu Tag wuchs meine Ungeduld. Noch 6 Tage, noch 48, noch 24 Stunden. Bei der Preisverteilung ging ich natürlich leer aus: das vermochte mir aber die Laune nicht zu trüben. Beim feierlichen Schlußsegen in der Kirche dankte ich Gott aus übervollem Herzen für die bevorstehenden Genüsse. Im Bette noch klatschte ich so laut in die Hände, daß Mama, die nebenan schlief, hereinrief, ich möge doch den Leuten wenigstens in der Nacht Ruhe geben.
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Ich lag schon lange wach. Durch die Ritzen der Läden drangen einzelne Lichtstrahlen, sie wuchsen, dehnten sich aus und ließen die Gegenstände deutlich erkennen.
Der dumpfe Lärm des Wagenrollens und das Aufschieben der Fallthüren drang an mein Ohr. Jetzt endlich schlug es 6 Uhr; Clara konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Mit dem Ankleiden gieng es recht langsam von Statten. Ich tanzte im Zimmer herum, machte die gewagtesten Luftsprünge und beutelte mit dem Kopfe. Der häßliche rote Kautschukkamm, an dem so viele Zähne fehlten, wanderte in die Ecke und als Clara mir die modernen „Ponnys“ geschnitten, besah ich mich mit pfauenartiger Wendung von allen Seiten. Wie gut mir das stand und im großcarrierten dünnen Zephirkleid fühlte ich mich „zum Fliegen“ leicht und frei. Ich trank nur widerwillig eine Tasse leeren Thee, schon das brannte mich wie Feuer in der Kehle.
Dann verabschiedete ich mich bei Mama, die über „Migräne“ klagte. „Sei brav, schreib’ mir — aber erzähle lieber nichts von mir in Steindorf.“ Ich grübelte nicht weiter nach über diese seltsame Ermahnung, doch geriet ich gänzlich aus der Fassung, als sie zwei conventionelle Tränen weinte. Wie sollte ich mich dazu verhalten? Mir war so gar nicht trübselig zu Mute und ich atmete erleichtert auf, als Papa verkündete, der Fiaker warte schon. Ich stieg mit Tante Laura ein: er konnte erst nachkommen, wenn er Urlaub erhielt; Mama reiste nach Venedig.
Fort geht es durch die bekannten Straßen, an den alten düsteren Bauten vorbei, und den noch geschlossenen Gärten. Die grauen Klostermauern winken mir entgegen — da kann ich nicht länger an mich halten — ich stoße einen lauten „Jucherzer“ aus, so daß sich ein paar Passanten erstaunt nach mir umwenden.
„Am Hof“ herrscht bereits reges Treiben. Der Markt ist in vollem Gange. Eine kleine Zeltstadt ragt keck empor und die Verkäuferinnen stehen erwartungsvoll vor ihren Tischen. Köchinnen in hellen Cattunkleidern, das gekolbte Häubchen auf dem kokett frisierten Haar, mustern mit Kennermiene die ausgestellte Ware. Die Körbe füllen sich mit Gemüse und Früchten, die gelb und rot aus appetitlichen Papierdüten hervorlugen. Etwas abseits stehen Blumen in farbenprächtiger Mischung: Hortensien, Nelken und Reseden in Stöcken und in Büscheln.
Ein Schusterbub geht pfeifend vorbei und dreht der Öbstlerin vom ersten Stand eine lange Nase, was ihm mit einem kräftigen Puff heimgezahlt wird.