Unter einem Hausthor spielt ein Leiermann mit sehr viel Verve den „Radetzkymarsch“, als ahne er, daß binnen Kurzem die Töne zur steinernen Wahrheit würden. Dazwischen die schrillen eintönigen Rufe der Lavendelfrau: „Kauft’s Lavendel — Lavendel kauft’s — das Schipperl nur 5 Kreuzer. Kauft’s Lavendel, kauft’s.“
Eine Abteilung Bosniaken, das rote Fez schief auf die sonngebräunten Köpfe gestülpt, marschiert in strammer Haltung vorbei, bei jedem Schritt eine Staubwolke aufwirbelnd. Das große Wasserfaß stäubt sein kühlendes Naß auf das graue Pflaster und die ersten matinalen Damen führen kunstvoll kleine Sprünge aus, die Röcke bis über die Knöchel geschürzt, um nicht in eine Lacke zu geraten.
Dieses Momentbild mit all’ seinen Einzelheiten prägte sich so tief meinem Gedächtnis ein, daß ich es jedes Mal vor mir sehe, wenn „vom Hof“ die Rede ist.
Der Wagen hält vor dem Bahnhof. Diensteifrige Träger besorgen das Gepäck und geleiten uns in den Wartesaal. Auch da kenne ich Stück für Stück das Inventar. Olivegrüne Sammetmöbel, eine massive Pendeluhr aus Eichenholz und ein Spiegel, durch dessen Mitte ein Sprung geht und die darauf gemalte Psyche unbarmherzig in zwei Hälften teilt.
Erstes Läuten. „Einsteigen zum Schnellzug nach Nußdorf, Klosterneuburg, St. Andrä-Wördern, Absdorf, Limberg-Maißau, Felsried, Hainberg.“
Wir machen es uns bequem im Coupé; nochmaliges Läuten, Pfeifen und pustend setzt sich die Lokomotive in Bewegung.
Ein wundervoller Tag. In sanfter Bläue strahlt der Himmel auf die saftiggrünen Fluren und mit goldenen Krallen greift die Sonne in das Herz der Ährenfelder; farbensatter Mohn und stille Kornblumen biegen die schlanken Körper im Morgenwind. Hoch in den Lüften beschreibt die Lerche kühne Bögen und trillert ihr lustiges Lied. Auf den Telegraphendrähten sitzt eine große Schwalbengesellschaft beisammen — von Weitem nimmt es sich aus, wie ein weißer beschriebener Notenbogen — und tauscht zwitschernd Bemerkungen aus über das dahinsausende Ungetüm.
Hier, unter dieser Rasenfläche mit dem Monumente, liegt Vater Radetzky begraben und dort halten hinter einer Gartenmauer steinerne Soldaten Wach. „Salming“, das Schloß meines Onkels und da das Kirchlein inmitten der Gräber; so einsam und abgeschlossen. Nur einmal im Jahre betritt es der Fuß eines Priesters, am „Allerseelentage“.
Seit ich denken konnte, hatte mich Papa auf das Bemerkenswerte bei jeder Station aufmerksam gemacht.
Das ungewöhnte Fahren und der Kohlenstaub machten mich schwindlig. Etwas Wein und Backwerk erweckten die erschlafften Lebensgeister.