Frau von Birken hielt ihr diese beiden Punkte ihres Betragens täglich in tadelnder Weise vor, aber sie erreichte nicht das mindeste damit; sie wußte auch eigentlich ganz genau, daß das alles in den Wind gesprochen war. Aber das hielt sie nicht davon ab, Monika jeden Morgen dieselben Vorwürfe zu machen.

„Was soll bloß aus Dir werden?! Wenn ich ein so großes Mädchen wäre, ich würde mich schämen, faul im Bette zu liegen, wenn meine Mutter arbeitet. Ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, was aus Dir werden soll. Mit der Schule bist Du jetzt fertig, — heiraten wirst Du nicht, — heutzutage heiratet man kein armes Mädchen. Mehr als eine ganz kleine Rente das Jahr kann ich Dir nicht mitgeben. Der Papa hat so wenig hinterlassen; wenn er nicht so hoch versichert gewesen wäre, könnten wir jetzt Hunger leiden. Und mit dem winzigen Zuschuß, den ich Dir geben kann, findest Du keinen Mann. Hübsch bist Du auch nicht besonders — —“

„Ohh — — —,“ flehte Monika, „ohh —“

„Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, — Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, — ich habe heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende Kinderaugen muß es haben.“

„Na, groß sind doch meine Augen genug!“

„Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! — Und ein kleines, kleines Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.“

„Nur die Lumpe sind bescheiden!“

„Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an. Also: hübsch bist Du nicht. Klug, — ja, das will ich nicht leugnen. Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige Ausbildung legen, — zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.“

„Ich möchte Schriftstellerin werden.“

„Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin doch Deine Mutter, — na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich Manuskripte abgeschickt — und alle, alle habe ich sie zurückbekommen. Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept, — — und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr Gemüt habe als Du —“