„Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,“ versicherte Monika.

„Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,“ klagte die Mutter weiter, „um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der Papa auch schon immer gesagt: „um meine Söhne ist es mir nicht angst, aber um Monika.“ — Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten wäre es vielleicht, Du würdest studieren.“

„Aha, Tante Kläres Prinzipien,“ bemerkte die Tochter.

„Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch leichter lernst.“

„Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren zu raten?“

„Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine geachtete gesellschaftliche Position. ‚Fräulein Doktor‘ ist doch ganz was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt, — er hätte es „unstandesgemäß“ gefunden, — aber ich habe solche Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit mit.“

„Und mit Tante Kläre — —,“ sagte Monika ironisch.

Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.