Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres so ungünstig beurteilt; die anderen Leute fanden sie doch hübsch, sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen. Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte Abneigung gegen den Begriff der „Studentin“ gehabt hätte. Sie selbst kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.

Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen vorbereitet wurden.

Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor ihre knappen Fragen stellte.

„Ihr Name?“

„Freiin Monika von Birken.“

„Alter?“

„Sechzehn.“

„Bisheriger Bildungsgang?“

„Ich habe die Töchterschule von Fräulein von Zieritz absolviert.“

„Als prima omnium,“ fiel Frau von Birken ein, mit liebenswürdig verlegenem Lächeln; sie hatte vor dem gestrengen Fräulein Doktor viel mehr Angst als Monika.