Und da kam Mama nun mit der unglücklichen Idee des Studiums.
So oft sie ihrer Tochter auch vorhielt, in welch begnadeter Zeit sie lebe, daß es ihr gestattet sei, all ihre Geisteskräfte voll zu entfalten, indes ihre Mutter seinerzeit durch die herrschenden Anschauungen gezwungen gewesen, dem herrlichen Plane: ganz im Dienste der Wissenschaft aufzugehen, zu entsagen — Bertha ließ sich nicht überzeugen.
Sie gehorchte zwar dem Gebot der Mutter, aber ohne jede innere Freudigkeit.
In den Kursen — sie war in denselben Zötus eingereiht worden wie Monika — fiel sie durch nichts auf. Eine knappe Mittelmäßigkeit war die Signatur ihres äußeren und inneren Menschen. Für keines der Fächer, in denen man Unterricht empfing, hegte sie besonderes Interesse.
Im Gegenteil! Sie mokierte sich geradezu über Monika, die, als man im Latein und Griechischen die langweiligen Anfangsgründe überwunden, sich für das klassische Altertum zu begeistern begann. Die Glut, die sie in Kindertagen entfaltet, wenn Doktor Rodenberg ihr Sagen erzählt, lebte wieder auf; schattenhafte Träume erwachten zu neuem Leben.
Und nicht nur wie einst sah sie nur die männermordenden Helden, die erzgeschienten Völkerfürsten, nicht nur wie früher verfolgte sie mit heißer Freude am Kampfe das Auf- und Niederwogen der Feldschlacht — jetzt wurde ihr auch die schöne Sklavin lebendig, die blühende Briseïs, die sich zitternd willig dem Peliden gibt. Jetzt schwirrten ihre Gedanken auch um die Götterschönheit der Helena, um die so viel Tausende starben.
Die toten, heidnischen Sprachen, die Monika anfangs so langweilig gedünkt, waren ihr nun Zauberschlüssel — Zauberschlüssel, welche die Pforten zu märchenschönen Gärten öffneten.
Mit einer wahren Gier stürzte sie sich jetzt aufs Lernen.
Und wie immer bei ihr: wenn sie erst angefangen, sich einer Sache zu widmen, so tat sie das ungeteilt; sie richtete all ihre Kräfte, all ihr Sinnen darauf.