Und diese Stunde kam.
Ein Gedanke — sie wußte nicht woher — eine schaudernde Selbsterkenntnis: auch das ist nicht Leben! Nicht nur die Wissenschaft stahl mir die Wirklichkeit, auch meine Träumereien haben nichts mit Wirklichkeit zu tun. Diese Träumereien, die sich alle darum drehen, wie das wohl sein könnte, nicht, wie es wirklich ist!
Ich aber möchte das Leben, wie es ist!
Aber was sehe ich denn vom Leben, was weiß ich denn davon? Wir Töchter aus guter Familie werden gehalten wie die Kanarienvögel im Käfig. — Ach... Leben...
Oft wünschte sie sich jemand, der ihr hätte raten, ihr hätte helfen können in dem brausenden Zwiespalt von Gefühlen.
Aber es war niemand da. Sie blieb ganz allein. Allein in der frühen Reife des Körpers und des Geistes.
Und ihr Trotz erstarkte in dieser Einsamkeit, ihr Trotz: allein dazustehen und allein zu bleiben. —
In den Unterrichtsstunden verschlechterte sie sich sehr. Und das wurde noch schlimmer, als der Winter begann und sich ihr hier und da Gelegenheit bot, Tanzfestlichkeiten mitzumachen.
Die Baronin jammerte zwar gottsjämmerlich, wie schrecklich das sei, daß sie in ihrem jugendlichen Alter schon als Ballmutter figurieren müsse — außerdem seien die Kosten für diese Vergnügungen gar nicht zu erschwingen — aber im Grunde genommen ging sie gern hin.
Der Verlauf war jedesmal derselbe: wenn so eine Einladung ins Haus kam, erklärte Frau von Birken feierlich, daß man sie unter keinen Umständen annehmen würde.