„O, wenn man es mit Maß tut... Aber es artet leicht aus. Alles mit Maß!“
„Da sind Sie schon wieder bei Ihrer Theorie von der weisen Mäßigung. ‚Die goldene Mittelstraße‘ nennt man’s, nicht wahr? Aber die ist doch unnatürlich! Die will doch die Natur selber nicht! Mäßigt sich denn etwa die Natur? — Die hat doch den Blitz und Sturm und Toben, zerschellende Weltkörper und ein Uebermaß von Blüten...“
„Wir dürfen aber nicht nur die Natur sprechen lassen. Wir müssen uns an ihre jüngere und gesittetere Schwester halten: an die Kultur!... Was sollte denn sonst aus unseren Institutionen werden, aus unserem Volke, aus unserem Staat?“
„Unser Volk... unser Staat! Als ob das wichtig wäre!... Was spielt denn das für eine Rolle in der Entwicklungsgeschichte? Ein Menschengeist kann sich doch nicht an politische Grenzen halten, kann es doch nicht wichtig finden, was aus dem Staat wird! Der floriert eben... oder geht zugrunde.. wie andere Staaten auch.“
„Feuerköpfchen, Sie sind doch noch sehr jung,“ lächelte der Konsul.
Aber lächelnde Ironie vertrug Monika nicht. Sie machte eine ihrer Lieblingsgesten: warf den Kopf ins Genick: „Diese Kritik ist keine Widerlegung meiner Ansichten; daß diese keine Berechtigung haben, werden Sie doch wohl nicht zu behaupten wagen.“
„Ich lasse jedem seine Ansichten,“ sagte er sehr kühl. „Was mich anbetrifft, so bin ich jedenfalls von der Notwendigkeit eines nationalen Bewußtseins für den Menschen vollkommen überzeugt. Ich fühle mich als Deutscher, wie meine Vorfahren es taten. Ich diene mit allen Kräften meinem Vaterlande, denn das ist meine Pflicht — und meine gern erfüllte Pflicht!“
„Pflicht!“ sagte Monika und legte die ganze bodenlose Verachtung, die sie für diesen Begriff empfand, in ihre kindliche Stimme.