Ja, es kam vor, daß ihr Mann gelegentlich einen leichten Tadel dafür hatte, daß sie ihre Exklusivität übertrieb. Er sagte dann, er sei ein modern denkender Mensch und neige sogar zu liberalen Ansichten.

Er wußte selbst nicht, daß dies Redensarten waren, wußte selbst nicht, daß er im tiefsten Grunde seines Wesens auch nicht das winzigste Teilchen seines Junkertums der modernen Zeit geopfert.

Aber Monika wußte es, fühlte es.

Sie hatte seine Anschauungen in sich aufgenommen, und sie trieb diese Ansichten nun auf die Spitze.

Mehr noch als ihr Gatte spöttelte sie jetzt über zur Schau getragene Gefühlsregungen. Ihr Herz, das einst so warm geschlagen, ihre ganze heißblütige Persönlichkeit erstarrte langsam, wie ein wilder Bach unter einer Eisdecke erstarrt. Sie hatte früher so leicht und so schnell verziehen, hatte immer einen guten Gedanken, ein gutes Wort gehabt für die Fehler von anderen.

Jetzt aber war sie unnachsichtig, hatte sich das strenge Urteil ihres Gatten zu eigen gemacht. Seine ganze kühle Art war die ihre geworden.

Wie schnell und wie beschämt hatte sie sich die Freudenausbrüche abgewöhnt, die sie früher bei allen möglichen Gelegenheiten gehabt. Georgs eisiges: „ganz nett“, sein in ruhigstem Tone gesprochenes „herzlich unbedeutend“ schlugen ihre Begeisterung sofort tot. Jetzt sprach sie es noch überzeugter als er, das „herzlich unbedeutend“.

Mit ihrer Mutter stand sie äußerlich in tadellosen Beziehungen. Aber wo waren die Zeiten, wo ein inniges Verhältnis zwischen ihnen geherrscht!