Auch den Brüdern war sie entfremdet. Alfred sah sie überhaupt nicht. Wenn der aus seinem pommerschen Nest mit Urlaub — oft sogar ohne Urlaub — nach Berlin kam, hatte er anderes zu tun, als Familie zu simpeln. Ueberdies hatte er schärfste Worte für Monikas Hochmut, der er deutlich genug anmerkte, daß ihr ein Bruder bei der Linien-Infanterie nicht passe.

Er besuchte Monika höchstens, wenn er sie damit ärgern konnte.

Zum Beispiel einmal, als sie ihn nicht zu einem Frühstück geladen, und er sich, ob mit Recht oder mit Unrecht, einbildete, sie wolle ihn nicht bei diesem Essen, bei welchem die anwesenden Militärs ausschließlich den exklusivsten Gardekavallerie-Regimentern angehörten.

Da erschien Alfred uneingeladen und zeichnete sich durch ein hinterwäldlerisches Benehmen aus, das er sonst nicht im mindesten besaß.

Es gewährte ihm ein ganz besonderes Vergnügen, zu sehen, wie Monika sich mühen mußte, ihre Haltung zu bewahren, als er dem Prinzen Schwarzenfels-Binsingen von den Gardedukorps vorschwärmte, wie „entzückend modern“ und „wunderbar poetisch“ die Truppe des Theaters von Treuenbrietzen gespielt, die vor einigen Wochen in seiner kleinen Garnison gastiert.

Auch stellte er, der tatsächlich ein firmer Reiter war, bei diesem Frühstück so unsinnige sportliche Betrachtungen an, daß er seinen Zweck vollkommen erreichte: sämtliche anwesenden Leutnants wunderten sich darüber, daß diese schicke, erstklassige Frau von Wetterhelm einen „so üblen“ Bruder besaß.

So weit wie Alfred ging Heinrich nicht. Zu einem Vorgehen durch Taten entschloß er sich nie, aber auch er war gekränkt von Monikas Hochmutsteufel. Die Dichter, die sie früher als Gottbegnadete und Auserwählte des Schicksals angesehen, waren ihr doch jetzt eigentlich Menschen zweiter Klasse; sie waren oft von so vager Herkunft, hatten kaum jemals staatserhaltende Prinzipien, und alle die schönen Sachen, die sie fabulierten, hielten vor strenger Logik nicht stand. Daß Heinzemännchen ihr wie früher stundenlang Gedichte vorlas, konnte sie wirklich nicht mehr aushalten.

Freundinnen sah sie keine. Als sie noch junges Mädchen war, hatten sich ihre Freundschaften immer so gestaltet, daß die andere zu ihr aufsah, mehr die Rolle einer untergeordneten Begleiterin als die einer Gleichberechtigten spielte. Jetzt aber hatte sie überhaupt keine Zeit mehr für Freundschaften.

Mit ihrer Cousine Bertha, die sie sofort aufgesucht, fand sie nicht mehr den kameradschaftlichen Ton von früher. Monikas Art hatte ja jetzt etwas Gönnerhaftes, was bei Bertha gänzlich unangebracht war. Denn Bertha war jetzt ein „modernes Weib“.

Man spürte in ihr nichts mehr von dem warmherzigen, naiven Mädchen, das sie vor fünf Jahren gewesen, als sie mit Monika zusammen die Gymnasialkurse besucht. Sie lächelte jetzt verächtlich, wenn sie daran erinnert wurde, wie sehr sie damals jedes Mädchen beneidete, das sich verlobte oder gar verheiratete.