Für Fremde war entschieden Herr von Hammerhof der Sympathischere von den beiden. Er hatte so gute Manieren, eine liebenswürdige Art. In Gesellschaft anderer war er immer höflich und freundlich zu seiner Frau, wogegen diese ihn mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit behandelte. Es kam ihr nicht darauf an, ihm auch, wenn Fremde dabei waren, recht bittere Worte zu sagen; in ihren vorzeitig scharf gewordenen Zügen prägte sich dann eine schneidende Verachtung aus.

Nur dann wurde sie anders, wenn sie ihr Kind sah, wenn sie ihren Jungen in den Armen hielt und ihn voll unendlicher Liebe betrachtete. In dieser hageren Frau, die in ihrer äußeren Erscheinung so gar nichts Mütterliches hatte, brannte die Mutterliebe in einer schönen und starken Glut.

Daß Marie bei ihrer schwachen Gesundheit so oft Nächte durchwachte, wenn der Kleine krank war, das war nichts so Besonderes, das hatte die Baronin Birken auch unzählige Male getan. Aber daß sie ihrem Kinde nicht jeden Willen ließ, daß sie Kurt auch strafte, so weh ihr das tat, daß sie viele seiner Wünsche, die sie ihm so gern gewährt haben würde, abschlug im Interesse seiner Entwicklung — das war es, was Maries Mutterliebe von Frau von Birkens Mutterliebe unterschied.

Es gab kein besser gehaltenes, kein besser erzogenes Kind als Kurt, aber seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Dieser Sprößling eines Ehepaares, das sich nie geliebt, hatte einen traurigen Zug, sogar sein Lächeln hatte etwas Kümmerliches. Er liebte niemanden als seine Mutter, verkroch sich oft wie schutzsuchend in ihren Armen, und Maries herbes Gesicht verklärte sich wundersam, wenn sie sich über das blonde Köpfchen neigte.

„Mutter sein, — das ist doch das einzige Glück für eine Frau!“ sagte sie, als man bei Birkens ihr Kind gebührend bewunderte.

Aber Monika protestierte. „Das einzige Glück? Das wirst Du nicht aufrechterhalten können. Ein Glück, — gewiß. Aber das einzige?... Die Liebe, die man für ein Kind hat, kann doch nie annähernd das Glück gewähren, das die Liebe zum Gatten gibt.“

Marie lachte höhnisch und erwiderte mit ein paar scharfen Bemerkungen. Bemerkungen, die Monika nicht widerlegte, denn sie liebte schon lange keine Diskussionen mehr. Am wenigsten solche, in denen man einen so scharfen Ton anschlug, wie Marie es tat. Monika stand jetzt auf dem Standpunkte, daß ihr Leute ohne Ueberzeugungen, wofern sie tadellose Manieren hatten, lieber waren als wertvollere Naturen, wenn diese sich rauh gaben.

Dieser Ueberzeugung verlieh sie gelegentlich Worte, worauf Frau von Birken in überwallender Empörung erwiderte, daß das ein Gipfel von Snobismus sei, den sie ihrer Tochter nie zugetraut. Erst komme das Gemüt und nochmals das Gemüt, dann eine ganze Weile gar nichts, dann der Geist und lange nachher erst Manieren und Formen!

Am schärfsten aber sprach sich Heinzemännchen gegen die neue Lebensauffassung seiner Schwester aus.