Edith war von einer Offenheit, die an Zynismus grenzte. Sie erzählte Monika, ohne daß diese im mindesten danach gefragt hätte, die intimsten Einzelheiten aus ihrem Leben; sie sprach von der unglücklichen Ehe, die ihre Eltern geführt. Sie verhehlte nichts, beschönigte nichts von allen traurigen Fällen, die sie oder ihre Familienangehörigen getroffen.
Monika machte mitunter Einwendungen, sagte ihr geradeheraus:
„Das sind doch interne Angelegenheiten, über die spricht man doch nicht.“
Aber Edith zeigte dann in höhnischem Lachen ihre großen, weißen Zähne:
„Ach, den Schnickschnack habe ich mir abgewöhnt. Ich habe früher auch mal so gedacht wie Sie — o, sicher sogar sehr viel strenger gedacht als Sie. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war ich Lehrerin an der Schule von Fräulein Cersfeld und gab für hundert Mark monatlich ungezogenen Mädels Französisch und Geographie, auch Religion und andere schöne Sachen. Von acht bis eins täglich dauerte der Scherz. Fünf Minuten nach eins ging ich nach Hause, wo ich gerade rechtzeitig ankam, um einer lärmenden Szene zwischen Mama und Papa beizuwohnen. Nachmittags dann Hefte korrigieren und abends um halb zehn in die Klappe. Ach, ein Leben.... Sieben und ein halbes Jahr ist das so gegangen. Dann...“
Sie unterbrach sich.
„Ach, ist ja alles Unsinn,“ fuhr sie mit veränderter Stimme fort. „Wozu von Vergangenheiten reden! Ich fühle mich sehr wohl, seitdem mir das Familienleben Wurst ist! Es lebt sich doch sehr nett in dem ollen, ehrlichen Zürich.“
„Ja...,“ sagte Monika, und ihr Blick irrte sehnsüchtig hinaus durchs Fenster auf den grünen Strom, über dem die weißen Möwen taumelten.
Die Vorlesungen, die Monika belegt, interessierten sie teilweise sehr, aber sie gewöhnte sich nicht an das Zusammensein mit so vielen anderen.