Monika hatte sich noch nicht beruhigt, als die Damen gegangen waren. Im Gegenteil: ihre Freude äußerte sich in Ausbrüchen, die ihre Cousine als „geradezu indianerhaft“ bezeichnete. Aber urplötzlich schlug der Jubel ins Gegenteil um. Mit tragischem Gesichtchen erinnerte sich Monika, daß sie „nichts, aber absolut nichts“ anzuziehen habe. Frau von Holtz beruhigte sie: selbstverständlich würde für sie ein Kleid geschneidert werden und Marie müsse auch ein neues haben. „Morgen früh kommt Mine Petermann,“ fügte sie verheißungsvoll hinzu.

Und am nächsten Morgen um zehn Uhr war Mine Petermann da, — die unförmlich dicke Gestalt in ein prallsitzendes, schwarzes Kleid gezwängt, — auf dem mächtigen Busen eine ganze Armee von Stecknadeln, — um die Taille eine grüne Schnur, an der die Schere hing, und unterm Arm eine ganze Ladung Mode-Journale.

Auch Stoffmuster hatte Mine schon da, war in aller Herrgottsfrühe schon nach Neustadt hin- und zurückgestiefelt und hatte sich bei Kaufmann Kleinmichel Proben vom „Neuesten, Schönsten und Modernsten“ geben lassen.

Ja, die Mine war eine rührige Person, — nicht umsonst beehrte die ganze Nachbarschaft sie seit zwanzig Jahren mit ihrer Kundschaft.

Das war ein gar wichtiges Fragen und Beraten, was nun begann.

Mine war vor dem Beginn erst im Vorzimmer mit einem Glase Portwein und zwei Buttersemmeln mit Leberwurst gestärkt worden, was erfahrungsgemäß ihre Inspiration sehr anzuregen pflegte.

Sie ging auch gleich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit, erklärte, für das gnädige Fräulein Marie sei „Empire“ wie geschaffen.

Begeistert tippte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger auf ein Modell: ein verführerisches Dämchen zeigte dort ihre Reize in einem überaus anschmiegenden Empirekleide aus nilgrüner Seide mit Perlenstickerei.

Frau von Holtz wiegte bedenklich den Kopf, enthielt sich aber einstweilen jeder Meinungsäußerung, wogegen Marie, kaum daß sie einen Blick auf das Modebild geworfen, ihre lebhafteste Abwehr zu erkennen gab. Sie erklärte diese Mode „für direkt schamlos“ und „hätte Fräulein Petermann mehr Geschmack zugetraut“!

Das dicke, alte Fräulein zog ein beleidigtes Gesicht, zeigte aber doch pflichtgemäß alle Abbildungen, die vorhanden waren. Vor Maries Augen fand nichts Gnade. Und ihre Miene entwölkte sich auch nicht, als nun Frau von Holtz selbständige Anregungen gab, und mit der ganzen Liebe einer Mutter sich mühte, etwas recht Vorteilhaftes für ihr Kind zu finden.