Karl kaute unbekümmert weiter an seiner Stulle. Frau von Birken aber sagte ganz erregt: „Mone, ich bitte Dich, nicht immer solch exzentrische Redensarten. Laß doch das endlich — mir zuliebe...“
„Dir zuliebe?“ fragte Monika gedehnt. Sie warf den Kopf ins Genick: „Ich lebe doch für mich — nicht bloß Dir zuliebe, Mama. Man ist doch nicht bloß dazu da, um so zu sein, wie es zufällig gerade der Geschmack der betreffenden Eltern ist.“
„Nettes Früchtchen,“ sagte Alfred spöttisch zur Mutter.
Und Heinrich sagte strafend:
„Wenn man Dich so anhört, man sollte es rein nicht für möglich halten.“
„Ach, Ihr heuchelt bloß wieder, Jungens. Lebt Ihr denn der Mama zuliebe? Wenn Alfred für achtzig Mark Schulden macht im Zigarrengeschäft und Heinrich sich verbotene Bücher kauft und Karl den ganzen Zucker stibitzt — na, ich will ja gar nichts gegen Euch reden. Mir ist das alles egal. Ich bin froh, wenn Ihr mich zufrieden laßt. Aber das ist nicht zu leugnen, daß Ihr Euch selbst zuliebe lebt! Und das tun überhaupt alle Menschen!“
„Mone, wie Du das sagen kannst, mir sagen kannst, bei meinem Gemüt!“ entrüstete sich Frau von Birken. „Meine ganze Jugend habe ich Euch hingeopfert. Immer bin ich im Kinderzimmer gewesen, auch als Ihr zwei Gouvernanten gleichzeitig hattet: Miß Smith, die liebe Person, und Mademoiselle Marguerite, das entzückende Mädchen.... Ich — habe ich je mir selbst zuliebe gelebt? Habe ich je an mich selbst gedacht? — Wo gibt es noch eine Mutter, die ihre Kinder so verwöhnt hätte wie ich, sie so gestopft — ja geradezu gestopft mit Leckerbissen — und mit Euch gespielt hab’ ich und mit Euch gelernt. — Und das habt Ihr auch gewußt. Ja, als Ihr klein wart, wart Ihr noch dankbar. Gebrüllt habt Ihr, wenn ich auf Bälle ging — Euch an mein Kleid geklammert, damit ich dableiben solle... Das cremeseidene mit der griechischen Stickerei hast Du mir direkt entzweigerissen, Mone, als Du fünf Jahre alt warst, an dem Abend, als ich zum Regimentsball nach Hahndorf wollte... Und Heinzemännchen wollte sich direkt aus dem Fenster stürzen, aus der ersten Etage in Sarkow, als wir in großer Gesellschaft einen Schlittenausflug unternahmen ... Gott, wie heute weiß ich es noch! Ich war gerade im Begriff, in den Schlitten zu steigen — einen grauen Samtmantel hatte ich an mit Chinchillabesatz, und ein kleines Barett, wie es damals neueste Mode war — außer mir trug es noch niemand im ganzen Kreise. — Und Herr von Schmettwitz bietet mir die Hand zum Einsteigen — und plötzlich wird in der ersten Etage ein Fenster aufgerissen, und auf dem Fensterbrett steht Heinzemännchen und schreit... schreit, daß mir die Ohren gellen: er spränge runter, wenn ich ihm nicht verspräche, dazubleiben. — Ach Gott, den Augenblick vergesse ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Ich rufe und schreie: ja, ja, ich bleibe! — Aber Heinzchen beugt sich noch weiter vor. — Und Euer Papa wie ein Sturmwind die Treppe hinauf und reißt den Jungen in seine Arme. Hauen wollte er ihn! Aber das habe ich natürlich nicht erlaubt! Und weil ich doch natürlich den Ausflug nicht versäumen wollte, habe ich Heinzchen mitgenommen. Ach, wie süß er aussah in seinem blauen Mäntelchen mit dem echten Persianerkragen... Ja, so geliebt habt Ihr mich! — Und jetzt ist das der Dank. Daß Mone solche Sachen sagt und mich des Egoismus bezichtigt...“
„Aber, Mama, ich habe doch nichts von Dir gesagt, sondern daß die Menschen im allgemeinen...“
„Dann hättest Du mich wenigstens davon ausnehmen sollen. Wenn Du Euch so charakterisiert hast, dagegen kann ich ja gar nichts einwenden. Ihr seid auch alle egoistisch! Nicht einer, der mein Gemüt geerbt hätte!“