Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen schnippisch in das Wort; so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; da hätte sie nur aufrichtig sagen sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, meine Schönheit soll glücklicher sein. – Hierbei lachte sie, hüpfte an den Spiegel und ordnete noch einmal zum Ueberfluß ihren Sonntagsstaat.

So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und das Unglück ist doch über mich gekommen, ich weiß nicht wie.

Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die Rede: Du weißt nicht wie. Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun um alles in der Welt, höre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir steht die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, wunderschön! Ich vermiethe mich, oder ich vermiethe mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberfluß.

Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton.

Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat das Geld im Kasten liegen. Es ist schändlich genug, daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen, damit ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. Ich muß für meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in großen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen Viergroschenstücke trudeln unter den Händen fort. Tante Rieke, die die christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde führt, mag sich auch mal mit den Händen regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur den Vortheil davon, wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch für Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hübsch, und rühre ihr Herz; aber gegen mich höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. – Bei diesen Worten zog sie eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstücke klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück in den Schooß und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten. Du verstehst mich doch?

Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Töchterchen hatte sie völlig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; und auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz richtig, diese mußte mehr geben, wenn Klärchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn Klärchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich für eine gute Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser.

Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend schön und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann geheirathet, der schon damals innerlich und äußerlich ziemlich verkommen war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem Jammer und in Noth erhalten hatte. Zum Glück blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Stütze war. Noth und Jammer aber hatten keinen Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, und wenn sie auch reichlich Thränen über sich und ihre Schicksale vergießen konnte, die Thränen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. Klärchen war das Ebenbild der Mutter, nur daß sie noch schöner und zugleich schlauer war, und so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.

Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester. Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. Sie hatte vergeblich ihren Einfluß auf Mutter und Tochter zu üben gesucht; sie erlangte nur das eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als möglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hätten.

Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegespräch gehabt, rüstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren einige Risse in der Mitte.

Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar nichts! sagte sie ärgerlich.