Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen zu! tröstete die Mutter, fädelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Während dessen suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh das leidlichste Paar heraus.

Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klärchen wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue. Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide gehören reine Handschuh.

Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre Confirmationshandschuh noch.

Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel muß ich meinen Freundinnen erzählen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär. Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt Göthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. – Bei diesen Worten hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem leichten Adieu zur Thür hinaus.

Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt Dein Hemd an der Schulter zum Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin.

Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen gleichgültig, und nachdem das geschehen, ging sie fort.

Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit der Nadel für Andere beschäftigt, nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden. Klärchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als über ihren Stand hinaus verwöhnte und verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen weit sein mußten und wo möglich den Staub auf der Straße kehren, war ihr von höchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen, Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd zerrissen, war ihr gleichgültig, ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen. Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strauß gehabt; denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und sagte, das wäre ganz verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine ordentliche Toilette – bei diesem Worte hob Gretchen etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe und zeigte wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen fuhr nach einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich fort: daß zu einer ordentlichen Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit zu erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt das für schlanke Leute; für Biertonnen ist's nun mal nicht nöthig. Gretchen wußte darauf keine verblümte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth thut, und verthu' Dein Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal bitterlich bereuen, daß Du so eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X für ein U machen; und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo anders. – Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, gewiß wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte keine Romane, wußte nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und Liebes-Almanach, kannte nur nothdürftig die Classiker ihres Vaterlandes dem Namen nach, und auch darüber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen nur in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, die ihnen vom Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben war nämlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und machte den Leuten Himmel und Hölle heiß. Klärchen aber, als sie merkte, wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab gütlich nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte hochmüthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mädchen; sie mag sich drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine Ansprüche für die Zukunft und gehört so recht in den Handwerkerstand hinein. Dagegen Klärchen? Sie seufzt, – ihr Herz schlägt gewaltig, – was wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft: lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, daß sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, es wird, sie hat eine selige Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl und ein Sammethut – dann aber kann es ihr ganz gewiß nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit, nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken, sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und sagt, sie könne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat den Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde erlösen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in Unverstand und wie sie weiter sagt; aber das konnte Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts von Sünde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, gelernt, aber wozu, das sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten zu reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente für sie da: »Du sollst nicht stehlen?« Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht andere Götter haben neben mir?« Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars glaubte. Oder: »Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that mehr als ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen quälte sie sich, um ihre Mutter zu ernähren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. An den lieben Gott glaubte sie wohl, sie verließ sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr Schicksal leiten und lenken könne, – das verlangte sie gar nicht, sie wollte das allein thun; sie war schön und jung und klug und gebildet, ihr Glück verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie. Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Straße, ein großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie ließ sich aber schnell impfen und meinte nun wieder ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera kam und in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an. So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, – das sah sie ein, und sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante Rieke unterließ es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte solche Worte nicht gern, sie ward bänger und bänger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. Sie konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen so ruhig waren und vom Tode redeten als von gar nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mußt? dachte sie. Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben wieder rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit ihren tollsten Fantasien durch.

Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Häuser weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster parterre. Der Briefträger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung dazu. Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.

Nun Ihr Jüngferchens – wieder schwitisiren? sagte er spaßend.

Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klärchen lustig.