Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt ewiglich, – sagte die Tante bewegt.

Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes Lippen.

Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide kinderlos, – Thränen erstickten ihre Stimme, – auch mein Gretchen ist hinübergegangen.

Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.

Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.

Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.


Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.


Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.