Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.
Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen – hier stockte Klärchens Stimme.
Warum hast Du keinen Mantel um? – fuhr die Tante fort – was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?
Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:
O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.
Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.
Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, – denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, – da gingen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden Worte gesprochen, – wie hatte sich seitdem alles geändert! Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären möge, daß er sie einen Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig vereinigt halte.
Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! – Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich und äußerlich welkte sie dahin.
Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.
Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.