Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.

Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem Unglück gehört, und bedaure Sie.

Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. – Die Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. – – Klärchen konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.

Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch schwere Wege.

Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.

Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe Gott wird das segnen.

Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von einer Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.

Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater, halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz konnte sich beugen.

Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.

Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch flogen ihre Glieder vor Frost.