Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die Verwirrung. – Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. – Du kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.

Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.


Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die Stephani-Kirche! – dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.

Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.

Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.

Bald darauf, – Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, – öffnete sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen Zustande.

Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des treuen Herrn.

Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!