Eines Sonnabends Abends –, es war Anfangs Mai –, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. – Doch spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und wanderte zum Thore hinaus.
Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! – Sie trat in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch dein lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, trat aber erschrocken zurück, – in einer Fliederlaube saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch auch nicht helfen. – Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben sollte –, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen –, sie wollte doch gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.
Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? – Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; der ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.
Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.
Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.
Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.
Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser, es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt, – sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren Dingen.
Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.
Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.
Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.