Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. – Günther stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.

Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.

Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.

Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein – welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.

Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, – dahin gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte brechen. Mit dem Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu rühren. – Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen. – Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. – Ja, das Kind! seufzte Klärchen. – Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich gefallen lassen.

In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. – Aber der Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte der Zukunft. – Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche gewesen.

Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen. Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.