Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.
Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu lesen und zu singen:
| Es ist der Herre Christ unser Gott, |
| Der will euch führ'n aus aller Noth, |
| Er will eu'r Heiland selber sein, |
| Von allen Sünden machen rein. |
| Er bringt euch alle Seligkeit, |
| Die Gott der Vater hat bereit't, |
| Daß ihr mit uns im Himmelreich |
| Sollt mit uns leben ewiglich. |
Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. – O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller und lustiger als der andere, die Welt so lachend, – warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder von ihren Gedanken ab.
»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. – »Wie groß und unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, – unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein sein auf ewig!« –
Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. – Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.
Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es erlaubt, komme ich bald. – Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie eilte hinweg.
Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.
Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! – Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. – Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, – wenn ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein Vergnügen haben. – Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.