Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.
Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu reden.
Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?
Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder Stimme.
Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.
Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?
Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier so fortfahren sollen.
Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte sie an. Das war das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.
Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.
Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen bedacht, – so gab es nur fröhliche Gesichter.