Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.
Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.
Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.
Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.
In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.
Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, – fünf tausend Thaler, – das soll gehen, – das muß gehen. – Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!
Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen fragte, wer da sei.
Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.
Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! – Klärchen stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben können. – Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. – Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, – zehntausend Thaler – und dann links um kehrt! – Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.