Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.
Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.
Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir nicht.
Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon längst die Gedanken meines Herzens. – Gretchen nickte.
Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so gern möchte.
Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches Glückes.
Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer Braut! – Ja, Du alter Benjamin steckst Deine Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« – ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin ebenfalls:
Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.