Das ist wohl gut, sagte die Tante; aber es sind nur äußere Dinge, und Du könntest bei alle dem kreuzunglücklich werden. Weißt Du, ob er ein rechtschaffener Mann ist, ob er ein braver Mann ist, der Gott mehr fürchtet, als die Menschen?
Freilich hoffe ich, daß er ein rechtschaffener Mann ist, und habe keine Ursache, das Gegentheil zu glauben. Und wißt Ihr etwas von ihm, so ist's Eure Pflicht und Schuldigkeit, es mir zu sagen.
Der Tante gefielen diese Worte wohl, sie meinte, Klärchen liege ihres Bräutigams Rechtschaffenheit gar sehr an der Seele; aber von der war es nur die brennende Begierde, etwas zu wissen, zu hören; ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt, sie hätte mit der ganzen Welt hadern mögen.
Ich will Dir nun erzählen, was wir von Deinem Bräutigam wissen, begann die Tante, Du kannst dann überlegen, was Du zu thun hast. Im vorletzten Winter, als ich am gastrischen Fieber lag, mußte Gretchen für mich manche Krankenbesuche übernehmen. Unsere schwerste Kranke war damals ein Mädchen, die ein Vierteljahr vorher ein Kind gehabt hatte und jetzt an der Auszehrung elend darnieder lag, so arm und verlassen, daß es ihr am Allernothwendigsten fehlte, und unser Verein kaum anschaffen konnte, was sie gebrauchte. Bei ihrer äußeren Noth hatte sie aber auch innerlichen Jammer, sie sprach viel von dem Vater ihres Kindes, was der ihr vorgespiegelt und versprochen, und wie er sie jetzt in Hunger und Kummer umkommen lasse. Oft hat Gretchen ihre Klagen über den Menschen mit anhören müssen, und die Urtheile und Schilderungen von ihm waren nicht fein. Als das Mädchen immer elender ward und ihren Tod vor Augen sah, war ihr größtes Verlangen, ihren Geliebten, wie sie ihn denn doch in manchen Stunden noch nannte, nur einmal noch zu sehen. Eine Frau, die schon früher die Unterhändlerin des Liebespaares gewesen, ward zu wiederholten Malen abgeschickt, aber immer vergebens. Als nun Gretchen eines Tages hinkömmt und die Kranke besonders schwach findet und ihr Trost und Theilnahme zuspricht, ist diese untröstlich und sagt nur immer, sie müsse Günthern noch einmal sehen. Gretchen hatte den Namen des Mannes nie gehört und auch nie viel von der Geschichte wissen wollen. Als sie ihr nun vorstellt, wie ihr Herz an einem Menschen hängen könnte, der sie so schmählich verlassen und verstoßen habe, wie sie sich lieber dem Himmel zuwenden solle und dem Heilande, der sie nicht verstoßen und verschmähen würde, und so Aehnliches, um ihren Sinn zu bewegen, da kömmt die Frau herein, die immer an Günther abgeschickt war, und ruft: Er kommt, er kommt! Gretchen will schnell gehen, aber der Mann steht in der Thür, ehe sie sich dessen versieht. Er geht an das Bett, die Kranke hat sich zu ihm gewendet und sagt: Ich sterbe nun, – und dazu weint sie bitterlich. – Das ist meine Schuld nicht! entgegnet er barsch, und ich bin heute gekommen, damit die Lauferei endlich ein Ende hat. Was willst Du nun? ich habe nicht viel Zeit hier zu stehen. – Du hast mich so elend umkommen lassen, schluchzt die Kranke wieder. – Ich? ruft er da und setzt ihr auseinander, was er alles gegeben; seine Schuld sei es nicht, daß sie krank geworden, und sie habe Verwandte, die mehr hätten als er, die sollten sich nur um sie bekümmern. – Die Kranke kann vor Weinen nicht sprechen, sie will seine Hand nehmen, er aber zieht sich zurück. Da kann sich Gretchen nicht mehr halten, tritt zu ihm, nimmt seine Hand und legt sie in die der Kranken und sagt: Das sind Alles unnütze Reden, die Arme wird nicht lange mehr leben und wollte nur Trostworte, und nicht so harte Worte von Ihnen hören. – Er ist ganz erschrocken, denn er hat Gretchen im ersten Eifer nicht gesehen, und führt nun eine andere Sprache und läßt auch einiges Geld dort. Nach zwei Tagen war das Mädchen todt.
Die Tante schwieg. Klärchen war in höchster Aufregung. Sprechen konnte sie nicht; sie reichte der Tante die Hand und stürzte zum Zimmer hinaus. Die Tante wollte ihr nachrufen, aber sie hörte nicht, sie lief mit eilenden Schritten über die Straße und verschloß sich dann in ihrem Zimmer. Hier brach sie in Thränen aus. Ein abscheulicher Mensch! solch ein Verhältniß vorher zu haben! Sie wollte augenblicklich mit ihm brechen, sie wollte einen Mann haben, der geachtet und geehrt ward von der ganzen Welt und der besonders weit über Tante Rieke und über Greten stand. – So gingen ihre Gedanken anfänglich durch einander. – Als sie aber eine halbe Stunde geweint, und ihre Thränen versiegten, ward sie ruhiger. Und wenn die ganze Geschichte wahr wäre, dachte sie, was hat er eigentlich verbrochen? Daß ich seine erste Liebe nicht bin, konnt' ich mir vorher denken. Er ist ja auch deine erste Liebe nicht, entgegnete ihr Gewissen, und du hast ihm auch von allen Abenteuern nichts gesagt. Das ist eben der Fluch der Sünde: um die eigene zu beschönigen, mußte sie auch die des Andern entschuldigen und so die Last beider tragen. Daß das Mädchen so dumm war, sich verführen zu lassen, fuhr sie fort, ist traurig, und es ist schändlich von ihm, die Arme so im Stich zu lassen; aber gewiß war sie ein ganz unbedeutendes Wesen, die ihn nicht fesseln konnte, dir hätte so etwas nie passiren können. Das einzige Unglück dabei ist nur, daß es nicht verborgen blieb, und daß gerade ihre Verwandten so tief hinein blicken mußten. Ihrem Glücke konnte die Sache nicht mehr hinderlich sein, Mutter und Kind sind todt. Wenn sie einst Herrin eines großen Hotels ist, es bequem wie eine Prinzessin hat, dazu von dem Manne geliebt und angebetet wird, was sie Alles nicht bezweifelte, so fehlte ihrem Glücke nichts. Die Sache mit dem Aufgeben mußte doch überlegt werden, und wer konnte denn wissen, ob in Wahrheit die Begebenheit so schwarz war, wie die Tante sie vorgetragen? Die Tante sieht Alles mit so strengen Blicken an; in den Stücken war ihr nicht zu trauen. Aber beichten sollte ihr Bräutigam, erfahren, daß sie Alles wisse, und um so demüthiger werden und ergebener. Als er wie gewöhnlich nach den beendigten Geschäften zu ihr kam, fand er sie so getröstet, aber die Thränen flossen von Neuem bei seinem Anblick. Er, mit dem bösen Gewissen, war besonders weichherzig, forschte nach den Thränen und erfuhr nun die ganze Geschichte. Da schien sein Zorn keine Grenzen zu haben, er nannte Alles die abscheulichste Verleumdung, und Gretchen sammt der Tante maliziöse Personen, die absichtlich eine Sache so verdreht hätten, um ihm Klärchen abspenstig zu machen. Wer weiß, in welchen Winkel sie sie stecken möchten; sie ärgern sich, sie vornehmer und schöner zu sehen, und so mehr. Von der Kranken erzählte er: sie sei Hausmädchen hier gewesen, und er habe allerdings ein kleines Liebesverhältniß mit ihr gehabt, später sei sie fortgekommen, sei liederlich geworden und so herab gekommen. In ihrer Noth habe sie sich zu ihm gewandt, und er habe sie hin und wieder unterstützt, ja, er habe sich durch seine Gutmüthigkeit verleiten lassen, einmal hinzugehen, weil die Person ihm keine Ruhe gelassen. – Und das ist die Geschichte, die Deine vortreffliche Cousine so verdreht hat! schloß der Erzürnte. Du mußt mir jetzt aber heilig versprechen, mit den abscheulichen Menschen ganz und gar zu brechen, denn bei ihrer Schlechtigkeit sind sie auch roh und ungebildet und passen für uns nicht. Es ist mir eigentlich recht lieb, daß sie die Veranlassung zu diesem Bruche gegeben haben. Nun sind wir sie los. Nach dem, wie sie mich behandelt haben, können sie nicht verlangen, daß ich je wieder einen Fuß über ihre Schwelle setze. – Hierauf begann er seine Pläne für die nächste Zukunft zu entwickeln. Die malte er so glänzend, so herrlich, daß Klärchen sich völlig befriedigt fühlte und in alle seine Vorschläge einging. Um allen ferneren Intriguen zu entgehen, wollten sie noch vor dem Winter heirathen und die Annahme eines eigenen Hotels gar nicht abwarten. Günther hatte sich eine kleine neue Wohnung gerade gegenüber schon angesehen, die sollte mit Mahagoni-Meubeln und allen möglichen Luxussachen ausgestattet werden, und Klärchen sollte da allein ihre Wirthschaft haben. Vierhundert Thaler sollte sie jährlich bekommen, außer den Sachen, die hin und wieder aus der Gastwirthschaft abfielen. Als Klärchen erwähnte, daß die Tante ihr, im Falle sie sich mit deren Genehmigung verheirathe, eine Ausstattung versprochen, brausete Günther von Neuem auf. Wir brauchen Deiner Tante Ausstattung nicht, ich werde ihr schreiben: ich bedankte mich sowohl für ihre Verleumdungen, als für ihre Hochzeitsgeschenke, ich könnte ganz und gar ohne sie bestehen, ich würde sie nie wieder belästigen, würde aber auch meiner Frau nicht erlauben ein Haus zu betreten, das so hinterlistig meine Ehre angegriffen. – Klärchen machte einige Einwendungen dagegen. Wenn sie die Tante auch immer mehr gefürchtet, als geliebt hatte, auf diese Weise wollte sie sie doch nicht beleidigen, weil die Tante es immer gut mit ihr gemeint. Günther versprach den Brief nicht ganz so arg zu machen, aber, setzte er hinzu, wenn wir sie bei dieser Gelegenheit nicht los werden, wird sie uns das ganze Leben plagen. In dem Sinn sprach er noch Mancherlei. Klärchen ließ sich bereden, und die Sache schien abgemacht. Am anderen Abend aber kam Frau Krauter mit sehr bedenklichem Gesichte. Tante Rieke hatte sie zu sich kommen lassen, ihr das Vorgefallene erzählt und ihr den Brief mitgegeben, den Günther heut Morgen an die Tante geschickt. Klärchen ward heiß und kalt beim Lesen dieses Briefes; der war wenigstens so grob, als Günther gestern Abend sich vorgenommen hatte zu schreiben. Frau Krauter trug den Mantel auf beiden Schultern; bei Tante Rieke hatte sie geklagt über das Unglück und über den Leichtsinn der Welt; hier redete sie anders, weil ihr im Grunde diese Verheirathung der Tochter sehr erwünscht kam. Schon jetzt kam mancher Bissen aus dem Hotel zu ihr hin, schon jetzt hatte sie zeitweise ein herrliches Leben geführt, sie erwartete nun den Himmel von Klärchens eigenem Hotel. Als sie die Tochter böse auf den Bräutigam sah, redete sie gütlich zu. Jeder Mann hat seine schwache Seite, und die Tante wird nicht ohne Schuld sein. Wenn Du auch einen Andern genommen hättest, sie wäre doch nicht zufrieden gewesen; denn ihr Geschmack ist nicht Dein Geschmack, und Du mußt es mit Deinem Manne halten. Klärchen seufzte, und mußte der Mutter doch theilweise Recht geben. Entweder! oder! hieß es jetzt, und da sie den Bräutigam nicht fallen lassen wollte, mußte sie von der Tante lassen. Die Mutter mußte ihr aber versprechen, zur Tante zu gehen und ihr zu sagen, wie unglücklich sie über ihres Bräutigams Brief gewesen; aber da sie ihn zu sehr liebe und auch das Beste von der Zukunft hoffe, müsse sie sich in seinen Willen fügen und den Umgang mit der Tante für jetzt abbrechen, – doch nicht für lange, denn er werde gewiß bald seinen Fehler einsehen und die Tante um Verzeihung bitten.
Es war der 25. September. Klärchen stand vor dem Spiegel und legte die rosa Schürze um den weißen Mullrock, setzte ein rosa Häubchen auf und war nun bereit, die Gäste zum Chokoladenfrühstück zu empfangen. Gestern hatte sie Hochzeit gehabt, war stolz im weißen Atlaskleide zur Kirche gefahren und war als schönste Braut bewundert. Herr Reinhard hatte darauf seinem Oberkellner ein Diner gegeben, und die Nachfeier dieses Diners war eine Abendgesellschaft in der Wohnung der Neuvermählten. Ein Privatsekretair mit seiner Frau, ein Detailhändler mit seiner Frau, ein Rendant, Gustchen Vogler, einige Handlungsdiener und Mutter Krauter waren die Mitglieder der Gesellschaft. Klärchen mußte sich gestehen, daß diese Leute nicht zu ihren eleganten Zimmern paßten, aber auch Günther war in dieser Gesellschaft ein Anderer, als gegen die vornehmen Leute im Hotel. Er lachte anders, er sprach anders und ließ sich in seinem ganzen Wesen auf eine unangenehme Weise gehen. Freilich hatte er den Tag ungewöhnlich viel getrunken, und das ist bei so seltenen festlichen Gelegenheiten nicht zu umgehen, tröstete sie sich. Dieselbe Gesellschaft sollte heut Morgen ein Chokoladenfrühstück nehmen. Klärchen hatte Alles auf's Schönste vorbereitet, die feinen Tassen standen bereit, auf gemalten Tellern war Kuchen und Torte servirt, und sie selbst ruhte jetzt wie eine vornehme Dame im Sopha und erwartete ihre Gäste. Die Mutter war die erste, die kam; sie sah schmunzelnd auf Kuchen und Chokolade, setzte sich wohlgefällig in die andere Sophaecke und sagte:
Hätt' ich doch im Leben nicht geglaubt, daß es Dir noch so glücken würde, Du kleiner Brausekopf. Immer wenn ich dachte, es war so weit, dann ging Dein heißes Blut wieder durch. Gott sei Dank, daß wir nun eingelaufen sind in den Hafen!
Klärchen lächelte. So hatte sie doch wenigstens die Mutter, die ihrem Schicksal Weihrauch streute, da selbst das eigne Herz sich nicht recht dazu bequemen wollte. Günther trat etwas bleicher als gewöhnlich, aber guter Laune ein. Die Gäste folgten bald, es ward Chokolade getrunken, Frau Krauter ließ es sich von Allen am besten schmecken; dagegen verschmähte der Schwiegersohn ganz und gar dies süße Getränk. Mir ist heut mehr wie Weintrinken, sagte er scherzend, verließ das Zimmer und kam bald mit einem Arm voll Flaschen wieder. Die Herren schmunzelten, die Frauen neckten auf nicht sehr feine Weise, und Klärchen sah ängstlich auf ihren Mann. Jedenfalls war er schon im angeregten Zustande herüber gekommen, denn sie sah, daß beim Einschenken der Chokolade ihm die Hände zitterten. Sie hätte gern Einspruch gethan gegen das neue Trinkgelage, aber erstens scheute sie sich, als Wirthin etwas zu sagen, und dann wußte sie, daß Günther in solchen Dingen sich nichts sagen ließ. Die Herrengesellschaft ward immer lauter, die Frauen sahen sich bedenklich an. Klärchen klagte, daß ihr Mann schon seit einigen Tagen unwohl sei und daß ihm der Wein sehr schlecht bekommen würde. Er ward auch immer bleicher, seine Hände zitterten auffallend, seine Zunge lallte. Doch war er nicht der Schlimmste. In der Ecke des Mahagonisopha's schlummerte der Rendant, und einer von den jungen Kaufmannsdienern hatte sich schon entfernt. Die Frauen drangen jetzt auf die Auflösung der Gesellschaft. Das war mit den angetrunkenen Männern nicht leicht zu bewerkstelligen, aber es gelang ihnen endlich, und Klärchen war mit dem Mann und der Mutter allein.
Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere Wohnung träumen können, – und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens zu zerstreuen.