Verzeihen Sie, Herr Günther, entgegnete die Tante sanft, ich wünschte nur, Klärchen hätte mehr Zutrauen zu mir gehabt. Gegen Sie bin ich ganz unpartheiisch, denn ich versichere Sie, daß Sie uns ganz unbekannt sind; weder ich noch meine Tochter haben je Ihren Namen gehört.

Ich kenne den Herrn wohl, – sagte Gretchen jetzt leise, aber mit unverkennbarem scharfem Ausdruck.

Ich wüßte nicht, stotterte Eduard; vielleicht so vorübergehend, vielleicht im Theater oder in einem Kaffeegarten.

Gretchen schüttelte den Kopf und schwieg, und Eduard ging leicht darüber hin und knüpfte eine lebhafte Unterhaltung an. Tante Rieke aber blieb ziemlich schweigsam, und Gretchen und Klärchen schwiegen auch, bis zu aller Erleichterung der Besuch ein Ende hatte.

Auf der Straße konnte Eduard seinen Zorn nicht verhalten. Das mußt Du versprechen, sagte er eifrig, mit diesen rohen, ungebildeten Leuten darfst Du keinen Verkehr haben. Sie haben mich unter aller Würde behandelt, und was dieser Stockfisch, dies Gretchen von mir wollte, begreife ich nicht.

Klärchen war auch ganz außer sich. Wo waren die Triumphe, die sie erwartet hatte? Von Gretchen ward sie nicht beneidet, das fühlte sie, – eher bemitleidet; und dahinter mußte etwas stecken. Und daß auch die Tante so wenig Freude über den vornehm aussehenden Bräutigam gezeigt, war ihr entsetzlich, ja das Weinen war ihr nahe; und doch mußte sie sich vor dem zornigen Bräutigam jetzt zusammen nehmen.

Es war den Tag sehr unruhig im Hotel, so daß Beide wenig Gelegenheit fanden, sich zu sprechen. Klärchen war sehr damit zufrieden. Sie wartete nur auf eine passende Zeit, um zur Tante schlüpfen zu können und den Grund von Gretchens sonderbarem Wesen zu erforschen. Als Eduard bei der sehr zahlreichen Abendtafel beschäftigt war, führte sie ihr Vorhaben aus. Sie fand die Tante und Gretchen in der dämmernden Stube. Erst wußte sie nicht recht, wie sie beginnen sollte, aber es half ja nichts und sie bat mit etwas stockender Stimme, ihr zu sagen, ob sie etwas Unrechtes von ihrem Bräutigam wüßten. Gretchen sah verlegen vor sich nieder.

Klärchen! begann die Tante, vor allen Dingen möchten wir es Dir recht begreiflich machen, daß wir es gut mit Dir meinen. – Bei diesen Worten nahm sie Klärchens Hand und sah sie mit den sanften braunen Augen recht herzlich an. Klärchens Herz war leichtfertig, aber für die Stimme der Wahrheit hatte sie doch noch Gefühl. Ich glaube es, entgegnete sie und erwiederte der Tante Händedruck. Diese fuhr fort:

Kennst Du Deinen Bräutigam genau?

Ich kenne ihn seitdem ich im Hotel bin, versetzte Klärchen. Ich weiß, daß er dem Herrn des Hauses Ein und Alles ist, daß er eigentlich das ganze Geschäft führt und in Kurzem selbst einen Gasthof übernehmen wird. Er hat Konnexionen, Vermögen, dazu ist er gebildet und von Allen, die im Gasthofe aus- und eingehen, geachtet und geliebt.