Thee will er haben, so mach doch nur! Er ist besoffen, hat aber noch so viel Verstand, daß er weiß, was ihm noth thut.
Der kann was vertragen! entgegnete die andere Stimme, ein anderer ehrlicher Mensch wäre den ganzen Tag besoffen, wenn er so viel tränke wie der.
Und ein Spitzbube ist er dazu, sagte wieder die erste Stimme; alle Monat hundert Thaler schlägt er gewiß unter, und der alte Esel merkt's nicht und hat den Narren an ihm gefressen.
Die Stimmen entfernten sich jetzt, Klärchen war in besonderer Aufregung. Wen meinten sie? Wer war der Spitzbube, der Betrunkene? Eine schreckliche Ahnung ging durch ihre Seele. Sollte es Eduard sein? Schon einigemal hatte er so nach Wein geduftet, daß sie ihn darauf angeredet; er aber hatte gelacht und gemeint, er wäre ein schlechter Kellner, wenn er den Wein nicht probiren wolle, auch wäre es durchaus nothwendig bei seiner anstrengenden Lebensweise, sich zuweilen mit einem guten Schluck zu stärken. Daß der Wein aber auch nur die geringste Wirkung auf ihn geübt, hatte Klärchen noch nie gemerkt. Sie fing an sich zu beruhigen: er ist es doch wohl nicht. Nun gar der Spitzbube! das konnte ja nicht auf ihn gehen, er sah so nobel aus, er sprach so schön. Freilich leichtfertig konnte er auch zuweilen reden, und näher kannte sie ihn nicht, und wußte nicht, wie es mit seiner Moral beschaffen. Dazu schlug ihr eignes Gewissen; ihre eigne Moral war doch eigentlich auch: wenn es nur die Leute nicht wissen. Dieß, daß es die Leute wußten, daß gewiß zwei Kellner die Redenden gewesen, war das Unangenehmste bei der Sache. Sie mußte den Grund dieses Gespräches wissen, sie mußte aus ihrer Ungewißheit kommen, und verließ deshalb ihr Zimmer. Im Vorbeigehen faßte sie an ihres Bräutigams Thür, die war verschlossen. Darauf sah sie in den Salon. Hier war er nicht. Sie ging in die Küche und erkundigte sich, für wen der Thee bestimmt sei. Für Herrn Eduard, sagte die Köchin unbefangen. Der Laufbursche, der mit dem Brett und der Tasse dabei stand, grinsete bei diesen Worten die Küchenmagd sehr verständlich an. Klärchen mußte sich sehr zusammen nehmen, um ihre Bewegung nicht merken zu lassen; sie konnte den Abend auf ihrem Lager keine Ruhe finden. Wie entsetzlich, wenn er trinkt! Sie dachte an ihren verstorbenen Vater, wie der die Mutter dadurch so unglücklich gemacht hatte, sie sah um sich noch lebende Beispiele genug. Selbst der alte Vogler, der sonst im Haus Alles gehen ließ, wie es wollte, – wenn er betrunken nach Hause kam, war die kranke Frau und die verzogene Tochter nicht vor seinen Schlägen sicher. Und wie mag es vielleicht mit dem Gasthof stehen? Ob die vorgespiegelten Hoffnungen wohl Wahrheit sind? So allein mit der Nacht und mit ihren Gedanken, ward ihr ganz bange, und – wunderlich genug, – Fritz Buchstein und Tante Rieke standen Beide mit ihren ernsten Gesichtern und strafenden Worten vor ihrer Seele. Wenn der Gott, von dem sie so viel reden, dich doch für dein leichtsinniges Leben strafen könnte? Wenn die Tante Recht hätte mit ihrem Sprüchwort: Wie man's treibt, so geht's? – Aber was sollte sie machen? Jetzt wieder zurücktreten – das war unmöglich, ihr Ruf würde darunter noch mehr leiden und ihre Zukunft ganz verloren sein. Auch wird Eduard sie nicht lassen, er liebt sie zu sehr, und sie liebt ihn auch zu sehr. Ja, das ist ihr Trost. Diese Liebe muß ihn, sollte er wirklich Fehler an sich haben, bessern. O, wie erhebend ist der Gedanke! Er ist so weich, so nachgebend, sie kann ihn um den Finger wickeln, er wird ihr Alles zu Liebe thun, sie wird einen Engel von Ehemann aus ihm machen. Dieser Gedanke hat schon manche Mädchen zu unglücklichen Frauen gemacht. Sie wollen ihn bessern, ihn ändern, sie trauen ihrer schwachen Kraft gar Großes zu. Solche Liebe hat noch keinen Mann geändert; und je weichlicher und schwächer sie dieser Liebe zu Füßen liegen, je weichlicher und schwächer geben sie sich wieder den alten Sünden hin. Einen Menschen ändern, dazu gehört eine andere Macht, gehört die Kraft von oben.
Klärchen aber hatte sich mit diesen Gedanken beruhigt, und als am anderen Morgen Eduard mit seiner gewöhnlichen Gewandtheit und Liebenswürdigkeit vor ihr stand, war sie wieder frischen Muthes. Aber sagen mußte sie ihm von dem Gespräch – zur heilsamen Warnung, rieth ihre Klugheit. Auch gab es ihr eine Art von Uebergewicht über ihn, wenn sie um seine Fehler wußte. Sie erzählte es zwar in dem Sinne, als ob sie nicht an die Möglichkeit solcher Dinge glaube; aber er mußte jedes von den erlauschten Worten hören. Eduard ward feuerroth und sichtbar verlegen, aber Zornesworte mußten die Verlegenheit verbergen; er wollte die Schurken verklagen, er wollte ihnen den gottlosen Mund stopfen, es sei Neid, und so weiter. Im Grunde aber war er recht froh, daß ihm Klärchen die Personen nicht nennen konnte. Eine genaue Untersuchung wäre ihm doch nicht gelegen gewesen. Die Anschuldigung des Betrinkens erklärte er damit, daß er gestern Wein abgezogen habe, und daß die kalte Kellerluft, nach der Schwüle oben im Haus, ihm nicht wohl gethan, sodaß er schwindlich und ohnmächtig geworden. O, er that so erzürnt und erboßt, daß ihm Klärchen die schönsten Worte geben mußte, um ihn wieder zu beruhigen. Er ließ sich auch beruhigen, und Beide unterdrückten durch süße Worte ihre gegenseitigen beängstigenden Gefühle.
Gegen Mittag wanderten Beide zu Tante Rieke. Klärchen hatte die Freude, daß man ihnen überall nachsah, – wirklich ein schönes Paar! Er sah wenigstens aus wie ein Baron, und sie nicht minder vornehm. Was wird die hausbackene Grete, was Fritz Buchstein sagen? Grete wird gewiß verlegen dem vornehmen Manne gegenüber, und Tante Rieke macht einen etwas tieferen Knix.
Aber sie irrte sich. Tante Rieke war allerdings verwundert, Klärchen am Arme eines fremden Mannes zu sehen; und als diese den Namen nannte und ihn als ihren Bräutigam vorstellte, machte sie ein sehr ernsthaftes Gesicht. Gretchen aber sah dem Bräutigam erst forschend und dann ganz erzürnt in die Augen. Dieser ward sichtlich verlegen dadurch und wandte sich ab. Klärchen bemerkte das und wußte gar nicht, woran sie war. Die Tante unterbrach zuerst die peinliche Pause.
Klärchen, ich hätte geglaubt, du hättest uns nicht so sehr überrascht mit einer so wichtigen Sache, sagte sie mit einem leisen Vorwurf im Tone.
Klärchen entschuldigte sich damit, daß es so schnell gekommen, und mit Aehnlichem. Der Bräutigam hatte während dessen seine Fassung vollständig wieder gewonnen und spielte den Beleidigten.
Ich hoffe, daß Sie gegen meine Person nichts einzuwenden haben, – sagte er gereizt, – und daß ich Ihnen ein willkommener Neffe bin. Meine Verhältnisse sind von der Art, daß ich mich Ihnen getrost als solcher nahen darf.