Wo hast Du denn schon die hübschen Blumen her? fragte Klärchen.
Von Benjamin, entgegnete Gretchen, und ward roth dabei, denn sie wußte, daß Fritz Buchstein die Blumen in den Topf gesetzt hatte, und das war ihr das Schönste daran. Benjamin ist wieder gesund, er hat die Blumen in seiner Stube zur Blüthe gebracht und sie mir dann geschenkt. Und sieh nur die weißen Blümchen, wie sie so rein und zart dastehen und ihre Köpfchen so still niederbeugen. Ich mag keine Blumen lieber, als die Schneeglöckchen, und Benjamin hätte mich durch nichts mehr erfreuen können.
Klärchen stimmte mit Worten ein, aber ihr Herz war matt, sie konnte sich nicht über Blumen freuen.
Jetzt bin ich fertig! sagte Gretchen fröhlich, nun hilf mir, Klärchen, Erbsen legen und Salat säen. Ein Hauptspaß ist es, die Sachen alle recht früh zu haben. – Sie setzte einen Nankinghut auf, nahm den bereit stehenden Samen und ging der Tante und Klärchen voran.
Der Himmel war lichtblau, weiße Frühlingswölkchen zogen daran, der Erdboden war braun und frisch, die Veilchen legten ihre seidenen Blättchen auseinander, die Stachelbeerbüsche hatten einen grünen Schimmer, der Buchfink schlug, Spatzen lärmten, Tauben girrten auf den Dächern, und in den Nachbarsgärten ward gearbeitet, geplaudert und gesungen. Auch Benjamin schaute zum Fenster hinaus, der Matz saß ihm auf der Schulter und rief: »Jungfer Gretchen, so recht.« Gretchen rief: er solle schweigen, seine häßliche Stimme passe nicht zum Frühling. Benjamin aber flüsterte dem Vogel etwas zu, und der schnarrte sein »Racker, Spitzbub« mit so vielem Eifer, daß selbst Fritz Buchstein das Fenster seiner Werkstatt aufmachte und Ruhe gebot. Doch er trat auch in den Garten und sah über das Staket hinüber, Gretchen bei der Arbeit zu. Daß Klärchen dabei war, zog ihn wohl auch hinaus, aber es machte ihn nicht mehr verlegen, nein, der Herr hatte seine Gebete erhört und seinem Herzen Ruhe gegeben; nur eine Theilnahme für das arme unglückliche Mädchen fühlte er noch. Er wußte ihr Schicksal mit dem Grafen ziemlich genau. Wenn sie doch jetzt noch umkehrte! dachte er, ihre Blässe und ihr Stillsein waren ihm eine Beruhigung.
Doch Gretchen ließ ihn nicht lange bei diesen Gedanken, sie war so frisch und fröhlich, sein Herz freuete sich über sie. Als Benjamin sie neckte wegen der schiefen Reihen auf dem Erbsenbeete, schwang sich Fritz am alten Fliederbaume über das Staket und übernahm selbst das Amt des Reihenziehens. Frau Bendler stand glücklich dabei, und der alte Buchstein, der am Stock gestützt, sich von der Frühlingssonne wärmen ließ, schien sich noch mehr zu erwärmen am Anblick seines glücklichen Sohnes und des braven Gretchens.
Klärchen konnte es nicht aushalten zwischen diesen glücklichen Menschen. Fritz Buchstein liebt die Grete, das ist richtig. Gretchen kam ihr heut ordentlich hübsch vor. Und Fritz? den hatte sie längst zu gut für die Grete gefunden. In dieser Stimmung wandelte sie fast etwas wie Reue an, den Fritz so schnöde behandelt zu haben. Daß er sie erst geliebt, fühlte sie zu bestimmt, und jetzt, wo ihr Glück in der vornehmen Welt gescheitert, konnte sie sich das Leben in einem stattlichen Bürgerhaus an der Seite eines Fritz schon möglich denken. Freilich müßte sie ja dann ein frommes, fleißiges, ordentliches Mädchen wie Gretchen sein, flüsterte eine Stimme in ihrem Innern, und ihr Gewissen regte sich, Thränen liefen ihr über die blassen Wangen.
Wieder einige Monate waren vergangen, der Sommer war herrlich. Gretchen freute sich erst an den Blüthenbäumen, dann an den duftenden Rosen. Fritz hatte auch in seinem Garten Blumen gepflanzt und gesäet, daß Alles lustig durch einander blühte. Benjamin hatte seine Freude an dem Paar, er neckte sie aber auch und war kühn in seinen Neckereien, denn nach einem schönen, warmen Sommerregen brach plötzlich ein F. und G. aus der braunen Erde heraus und war bald in krauser grüner Kresse sehr deutlich zu lesen. Seinen Staarmatz lehrte er heimlich eine neue Rede, und sein Dompfaff sang lieblicher als je: Lobe den Herrn o meine Seele.
Auch Klärchens Thränen waren wieder getrocknet, ihre Wangen wieder aufgeblüht. Das Gasthofsleben gefiel ihr wohl. Sie ward von den Fremden bewundert, man war galant gegen sie, man schmeichelte ihr. Daß dies keinen weiteren Einfluß auf ihr künftiges Leben haben würde, wußte sie, es waren Fremde, die nach ein oder zwei Tagen abreisten, und sich nur amüsiren wollten. Sie war daher sehr zurückhaltend und wollte überhaupt mit vornehmen Leuten nichts zu thun haben. Ihre Phantasien waren aus dem Hochromantischen zur Idylle hinabgestiegen. Nur ein fühlendes Herz und Bildung mußte der Mann haben, mit dem sie in einem kleinen Stübchen leben sollte. Und einen solchen Mann hatte sie bald gefunden. Es war der Oberkellner des Hotels; seine Bildung war untadelhaft, er sprach englisch und französisch, ging immer in schwarzem Frack und weißer Halsbinde, und hatte in seinem Wesen etwas überaus Vornehmes. Daß sie gerade mit ihrer Liebe Schiffbruch gelitten, kam Herrn Eduard zu gute, denn bald war er ihrer Liebe gewiß. Natürlich hatte er ihr vorher seine Verhältnisse klar auseinander gesetzt. Eigentlich konnten sie jetzt schon heirathen, er hatte 200 Thaler Zinsen und stand sich beinahe ebenso viel im Dienste: aber sein Streben ging nach einem eigenen Hotel, seine Kenntnisse, seine Bekanntschaften mußten es ihm leicht machen eines zu erhalten, ja, er war schon nach verschiedenen Seiten hin in Unterhandlungen gewesen. Er malte Klärchen die herrlichste Zukunft. Sie, die Dame des Hotels, sollte ein Leben wie eine Prinzessin führen, und schalten und walten nach Wohlgefallen. Klärchen vergaß ganz die Vergangenheit und ward wieder kühn in ihrem Auftreten, und sehr selbstgefällig und mit sich zufrieden. Zum 10. August, Klärchens Geburtstag, hatten sie sich vorgenommen, die Verlobung zu veröffentlichen. Der Bräutigam hatte ihr im Voraus einen rosa Taffethut und eine schwarze Atlasmantille geschenkt. Beides lag auf dem Sopha in ihrem Stübchen, ein ächtes Batisttuch und gelbe Glaceehandschuh daneben. Es war am Vorabend des Geburtstages, schon ganz spät dämmerig, ihre Stubenthür war nur angelehnt, – da hörte sie zwei flüsternde Stimmen auf dem Korridor.