Das war ein Todesstoß für Klärchen. Sie fühlte sich in einer solchen Nacht des Unglücks, daß sie keinen Gedanken fassen konnte, sie fühlte nur, die Sache mit dem Grafen sei aus. Sie blieb auch den folgenden Morgen im Bett liegen, sie konnte nichts anders thun, als weinen und das sollte Niemand sehen. Zuweilen kam der Hoffnungsschimmer: die Mutter könne doch noch einen tröstlichen Brief bringen, sie dachte wenige Tage zurück, wie seine Liebe da so heiß, seine Versprechungen so heilig, so für die Ewigkeit gewesen; aber sie bedachte nicht, daß alle solche Betheurungen nur Teufelswerk sind, die wie Seifenblasen verwehen; sie gehörte zu den Tausenden von thörichten Jungfrauen, die solchen Versicherungen trauten.

Doch lange blieb sie nicht in Ungewißheit. Die Mutter kam mit dem Briefe, und der war wie sie bei solchen Gelegenheiten auch zu Tausenden geschrieben werden. Noch Versicherungen heißester Liebe, aber man muß der Nothwendigkeit, der Pflicht, der Ehre weichen, wenn auch das Herz darüber bricht. – Klärchen las und weinte, und weinte und las wieder, und blieb den Tag im Bett liegen. So viel Besinnung nur hatte sie, den größeren Theil der Goldstücke, die der Graf mitgeschickt, für sich zu behalten und der Mutter nur den kleineren zu geben.


Der März war gekommen, der Schnee geschmolzen, und die warme Frühlingssonne schien auf die belebten Straßen. Klärchen hatte unter dem Vorgeben, sie sei krank, das Haus 14 Tage lang nicht verlassen; eigentlich aber fürchtete sie sich ihren Bekannten zu begegnen, und besonders der Tante Rieke. Die Mutter hatte vorläufig der Tante vom Dienstwechsel sagen, und als Grund dazu angeben müssen: Klärchen könne das Sitzen nicht vertragen, sie hätte sich darum nach einem Dienst umgesehen, wo sie mehr Bewegung hätte.

Eines Tages nun ging Klärchen aus, um Besorgungen für die Frau Generalin zu machen. Die Sonne schien so warm, Kinder spielten lustig auf der Straße, vom nahen Exerzierplatz klang laute Musik zu Klärchens Ohren. Klärchen aber war betrübt und verbittert; gerade das fröhliche Treiben überall, das lustige Aussehn der ganzen Welt war ihr unangenehm. Noch unangenehmer aber war es ihr, daß Tante Rieke ihr entgegen kam. Ausweichen konnte sie nicht, sie mußte sich also auf eine ernste Unterredung gefaßt machen. Die Tante war aber nicht so schlimm, als sie gefürchtet.

Du siehst recht blaß aus, sagte sie theilnehmend, mußt doch recht krank gewesen sein.

Klärchen erzählte so gut wie möglich und fügte hinzu, daß der neue Dienst im Hotel Reinhard gewiß passender für sie sein würde.

Aber ein Gasthof! sagte die Tante.

Ich habe mit dem Gasthofsleben gar nichts zu thun, entgegnete Klärchen, ich bin die Mamsell, die allen Kaffee und Zucker unter sich hat, ich habe das Frühstück auf die Zimmer zu schicken, und die Wäsche unter mir. Dazu bekomme ich 60 Thaler Gehalt und viele Geschenke.

Es ward ihr nicht schwer die Tante zu beruhigen. Im Sprechen hatten sie der Tante Haus erreicht. Klärchen mußte mit eintreten. Gretchen stand in der Stube und haspelte. Was ist das langweilige Arbeit, wenn die Sonne so warm in das Fenster schaut und einen immer in das Freie ruft! sagte sie; aber es ist nun das Letzte und wir machen Schicht mit dem Spinnen. – Bei den Worten beugte sie sich über einen Topf mit blühenden Schneeglöckchen, als ob ihr der Anblick neue Kraft zu ihrer Arbeit geben solle.