Du kommst wie ein Engel des Himmels, sagte Klärchen, Du mußt schnell den Brief zum Grafen tragen.
Ist nicht nöthig, schmunzelte die Mutter, ich habe das Geld schon.
O Gott, stammelte Klärchen, so wäre es gar nicht nöthig gewesen! Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte heftig. Hätte sie doch nur noch eine Stunde gewartet, so wäre das Unglück nicht über sie gekommen! Die Mutter war außer sich über den Schmerz der Tochter, sie forschte, sie tröstete, sie erzählte, wie sie gestern Abend noch spät zum Grafen gelaufen, wie sie ihn auch da nicht gefunden, wie sie ihn aber heut früh im Bette getroffen, und er das Geld habe herausrücken müssen. Er brummte freilich ein Bißchen (setzte die Mutter hinzu), und meinte, das ginge über seine Kräfte.
Sagte er das? entgegnete Klärchen heftig. O trage ihm das Geld wieder hin, und meinen Brief dazu; sage ihm: ich wolle nichts weiter, als seine Liebe, und er solle gleich antworten. Aber geh' gleich, Mutter, und komm gleich wieder.
Die Mutter verstand von Allem nichts, sie schüttelte den Kopf, sie wußte nur: Guste Vogler würde kommen, um das Geld zu holen, und die würde nicht wenig Lärm machen, wenn sie nichts bekäme. Sie redete also der Tochter zu. Ihr Liebesleute, sagte sie, da zankt Ihr Euch nun und macht Euch unnöthig Noth. Nimm ruhig das Geld und bezahle Deine Schulden, ich will ihn heut Abend zu uns bestellen, da könnt Ihr Euch versöhnen. Klärchen, laß Dich die Liebe nicht verblenden! Der Graf entschlüpft Dir noch wie mein Rechtsgelehrter.
Klärchen wollte eben auffahren, als es an der Thür klopfte. Guste! sagte sie leise und sah dabei unwillkürlich auf das Geld in der Mutter Hand.
Soll ich? fragte diese.
Ja, entgegnete Klärchen seufzend, bezahle nur, aber geh' vor die Thür, sag', ich sei krank.
Die Mutter ging und die Sache war bald abgemacht. Jetzt aber mußte sie die Besorgung des Briefes an den Grafen übernehmen; sie versprach, gewiß nicht ohne Antwort wieder zu kommen.
Aber sie kam doch ohne Antwort. Der Graf war schon im Dienst gewesen, und Frau Krauter zum Nachmittag wieder hinbestellt. Klärchen verlebte qualvolle Stunden, sie hatte sich zu Bett gelegt, um nur nicht Leuten in das Gesicht sehen zu müssen. Hier lauschte sie jedem Fußtritt auf der Treppe. Sie machte sich wunderliche Phantasien. Wenn er ihren Brief lies't, wird sein Herz zerschmelzen, er wird ihr Unglück nicht ertragen können, er wird selbst zu ihr kommen, er wird trotzen der Welt und der Generalin und wird sie selbst trösten, beruhigen und ihr aus dem Wirrwarr helfen. – Aber wie ward ihr, als die Mutter in der Dämmerung zu ihr eintrat mit dem kalten Bescheid: Der Graf sei sehr verdrießlich gewesen, er habe von einem zweiten Briefe gesprochen, von schrecklicher Unvorsichtigkeit, von kaum zu lösenden Unannehmlichkeiten, er müsse sich die Sache überlegen und wolle morgen Bescheid schicken.