Klärchen! sagte die Generalin, ich habe schon vor acht Tagen gemerkt, daß Jemand bei meiner Kasse gewesen; ich war aber meiner Sache nicht gewiß und besonders wollte ich nicht glauben, daß Sie der Dieb seien.

Dieb! schluchzte Klärchen, ich wollte nicht stehlen, ich wollte das Geld wieder hineinlegen.

Thörichte Reden! entgegnete die Generalin bestimmt. Sie haben gestohlen, haben auf ganz abscheuliche Weise mein Vertrauen gemißbraucht; nichts kann Sie jetzt vor einer gerichtlichen Untersuchung retten, als wenn Sie mir ganz der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen und auch die Beweggründe dazu. Ueberhaupt muß ich jetzt Ihren ganzen Lebenswandel kennen lernen, von dem sich in der letzten Zeit sehr schlimme Gerüchte verbreitet haben.

Klärchen war in einer entsetzlichen Lage. Aller Hochmuth, aller Stolz war dahin. Die Sünde ist feig, Furcht folgt ihr auf den Fersen. Furcht war es, die Klärchens Wesen durchzitterte; sie dachte an ihre Liebe, an den Grafen, freilich ihm zu Liebe war sie ja eine Diebin geworden; sie dachte aber an ihre Freundinnen, an Tante Rieke. Ja sie bekannte, sie schilderte ihre erhabene Liebe zum Grafen. Wenn er nicht verreist war, hätte sie das zweite Geld nicht genommen, ja sie würde das erstgenommene Geld wieder hinzugelegt haben. Seine Liebe war so großmüthig gegen sie. Alles, was ihm gehörte, war auch das Ihre; ja er hatte versprochen, sie zu heirathen.

Die Generalin erwiederte ihr, daß sie ein armes, getäuschtes Mädchen sei, daß es aber allen Leichtsinnigen so gehe. Wie würde ein achtbares Offiziercorps es je dulden, daß der Graf ein Mädchen heirathe, wie sie!

Klärchen sah die Sprecherin groß an bei diesen Worten. Wie ich? fragte sie leise.

Ja wie Sie! wiederholte die Generalin. Sie haben sich des Abends auf der Straße umhergetrieben, Sie gelten in der Stadt als eine leichtfertige Koquette, und der Graf ist nicht Ihre erste Liebe.

Klärchen ward roth. Sollte die Generalin vom Mediziner wissen? Oder wollte sie nur versuchen, die Wahrheit zu erfahren? Zu jeder andern Zeit würde sie geleugnet haben, jetzt aber war sie von der Furcht beherrscht: sie schwieg zu dieser Beschuldigung und begann nur, die Generalin wegen ihres Fehlers, wie sie die Entwendung des Geldes nannte, um Verzeihung zu bitten.

Die Generalin hielt ihr eine lange Rede, stellte ihr die Folgen eines solchen Lebenswandels vor, die allerdings anders ausschauten, als Klärchens Bilder von der Zukunft. Zugleich aber versprach die nachsichtige Dame, von der Sache nicht zu reden und Klärchen bis Ostern ruhig im Dienst zu behalten. Da Sie aber wahrscheinlich zu schwach sind, schloß sie diese Unterredung, das Verhältniß mit dem Grafen aufzulösen, soll das von seiner Seite geschehen; er soll es erfahren, wohin sein Leichtsinn ein armes unglückliches Mädchen gebracht hat, er soll es erfahren, daß er Sie zur Diebin machte.

Dies Letzte brachte Klärchen fast zur Verzweiflung, sie flehte, sie bat, – aber vergebens, die Generalin blieb bei ihrem Vorsatz, und Klärchen mußte endlich das Zimmer verlassen. Ihr Erstes war nun, selbst an den Grafen zu schreiben; sie schilderte ihr Unglück, ihre Liebe, ihre Verzweiflung, wenn er sie verließe. Sie benetzte den Brief mit Thränen, daß die Schrift kaum zu lesen war, und gerade als sie ihn gesiegelt hatte, trat ihre Mutter ein.