Verzeihe auch Du mir, Gretchen, ich schäme mich vor Euch und vor Gott, daß ich so lieblos sein konnte und nach dem armen Benjamin nicht einmal fragen.
Eben fiel ein feiner Sonnenblick durch eine thauende Fensterscheibe und auch ein Lichtblick fiel in Fritzens Herz. – Herr, dein Wille geschehe! – Gretchen stand vor ihm so frisch und hold und rein, mit so versöhnlichem Blick. Fritz fühlte seine Zukunft entschieden, er fühlte, wohin der Herr ihn haben wollte und wo er seinen Frieden suchen sollte. Die wilden Ranken seines Herzens mußte er abschneiden. Schade um die Zeit, die er sie hatte wuchern lassen!
Gretchen nahm Abschied von ihrem alten Freunde, mußte aber das Versprechen geben, wieder zu kommen.
Ja, darum bitte ich Dich auch, sagte Fritz, Du sollst nicht kommen, um Benjamin zu pflegen, nein, Du sollst Dich nur überzeugen, daß ich meinen Fehler gut gemacht habe.
Benjamin machte Scherz aus der Sache, Gretchen stimmte ein und die jungen Leute verließen ihn. Unten in der Werkstatt sagte Fritz noch in aller Eile, um doch etwas zu sagen: Ich habe schon längst einmal zu Euch kommen wollen, – aber das böse Wetter, – man ist so eingeschneit.
Bei uns wird jeden Tag gekehrt, entgegnete Gretchen.
Ja, es ist auch meine Schuld, fuhr Fritz fort; und als nun Gretchen im Vorbeigehen ihre Finger auf einen halb vertrockneten und vernachlässigten Geranientopf legte, ward er noch verlegener. – Den armen Topf habe ich auch vergessen, aber ich will ihn doch begießen. – Gretchens Hand fuhr erschrocken zurück, sie hatte ihn ja nicht von neuem beunruhigen wollen. In diesem Gefühle ließ sie auch ein Bierglas dicht an der Tischkante stehen, obgleich es ihr in den Fingern zuckte, es sicherer zu stellen. Der geringste Anstoß mußte es hinunter stoßen.
Fritz aber, als sie an der Wohnstubenthür vorbei kamen, nöthigte Gretchen, den Vater zu begrüßen. Er machte die Thür auf, der Alte lag im Lehnstuhl mit geschlossenen Augen. Heller Sonnenschein lag auf dem friedlichen Gesichte, er schlug die Augen auf, und als er Gretchen und Fritz vor sich stehen sah, meinte er, sein Lieblingstraum sei Wirklichkeit geworden; sein Gesicht verklärte sich. Ach Gretchen! rief er aus und streckte ihr beide Hände entgegen. Fritz aber wandte sich zum Fenster. Sein Vater hätte ja schon so glücklich sein können, wer weiß denn, wie viele Tage er noch zu zählen hat! Aber er soll glücklich sein, Gretchens Hand soll seines Lebensabends pflegen. Ja, ja! sprach sein Herz, und sein Auge folgte dem Sonnenstrahle hinan zum blauen Himmel, und alle Qual und Unruhe war aus seinem Herzen verschwunden.
Daß Fritz in den letzten Tagen besonders unruhig, zerstreut und traurig gewesen war, hatte seinen Grund. Eines Nachmittags hatte er in einer der Hauptstraßen neue Meubel abzuliefern. In demselben Hause war unten ein Buchladen, und als Fritz oben sein Geschäft beendet, trat er unten in den Laden. Die Herren darin kannten den jungen Tischlermeister wohl, und sahen es gern, wenn er sich hin und wieder hübsche Bücher ansah, denn nicht selten kaufte er auch davon. Heute hatte er sich besonders festgeblättert und festgelesen, und es war schon tiefe Dämmerung, als er den Laden verließ. Sein Weg führte ihn vor dem Schauspielhause vorbei. Trotz der Kälte war es hier ziemlich belebt, und zu seinem Schrecken erkannte er zwischen den Leuten Klärchen am Arme eines Mannes. Er konnte nicht widerstehen, er mußte erfahren, wer das sei. Nach einigem Hin- und Herwenden gelang es ihm, das Gesicht des Mannes zu sehen, er war jung und schön mit dunkelblondem Haar und einem großen Schnurrbart. Plaudernd ging das Paar in das Haus, Fritz folgte ihnen, er schämte sich, aber er konnt' es nicht lassen. Vom Parterre aus entdeckte er bald Beide in einer halbdunkeln Parquetloge. O wie vertraulich sie mit einander waren! Er blieb nicht lange, er hatte bald genug gesehen. Im Hinausgehen fragte er einen Zettelträger, wer der blonde Herr mit dem Schnurrbart sei. Graf Bründel, war die Antwort. Graf Bründel! wiederholte sich Fritz. Den Namen hatte er wohl gehört: es war der leichtsinnigste, tollste Offizier der Garnison, – Klärchen seine Geliebte! – Diese Gedanken hatten ihn in den Tagen beschäftigt, als Benjamin krank war; darüber hatte er Alles um sich her vergessen. Aber sein Herz sollte nun geheilt werden, und er sann nur auf Mittel, wie der Armen wohl noch zu helfen sei.
Klärchen aber fühlte sich nicht arm, nein, unendlich reich, sie liebte und ward wieder geliebt – und von einem vornehmen Manne ward sie geliebt. Wie schön, wie fein und galant war ihr Graf; er hing an ihren Blicken, sie hatte nur über ihn zu bestimmen! – Als der Sohn der Generalin sie damals so plötzlich aufgegeben, war sie – wie schon erzählt – sehr unglücklich, doch nicht lange. Sie sah sich bald nach Trost um, ihr Herz war einmal des leichtfertigen Spiels gewohnt, es konnte jetzt nicht mehr ohne dasselbe bestehen. In dieser Stimmung traf sie der erste Brief des Grafen Bründel. Mit Entzücken ward die Sache angeknüpft, ihr heißes Herz war lange nicht so spröde, als mit dem Mediziner, sie meinte es diesmal auf eine andere Weise versuchen zu müssen, und hatte die feste Ueberzeugung, es könne ihr diesmal nicht fehlen. Vier Wochen waren im süßen Taumel vergangen. Frau Krauter machte sich kein Gewissen daraus, die Zusammenkünfte der jungen Leute zu begünstigen. Der Graf hatte meistens eine volle Börse, und sie führte ein herrliches Leben dabei. Er hatte auch versprochen, sich mit Klärchen trauen zu lassen, und Mutter und Tochter glaubten daran; ja, Klärchens Klugheit war dem Sinnenrausche ganz gewichen. Sie dachte nicht an die Zukunft, sie wollte nicht an die Zukunft denken, die Gegenwart war zu süß. Im Theater war sie öfters gewesen, und in künftiger Woche wollte der Graf sie auf eine Redoute im Theaterlokale führen. Das war der Höhepunkt alles Vergnügens. Seit vierzehn Tagen studirte Klärchen in allen Modeblättern und durchstöberte Läden, wo Maskenanzüge verliehen wurden. Endlich hatte sie sich für eine Diana entschieden, aber unbedingt mußte dazu ein grüner Sammetüberwurf angeschafft werden, der eigens ihrer schlanken Gestalt angemessen war. Woher aber das Geld dazu nehmen? Es war gerade Ebbe in allen Kassen, die Mutter hatte schon einige Male nach neuen Zuschüssen geseufzt, aber der Graf hatte keine Anspielung verstanden, weil er gerade selbst nichts hatte. Borgen konnte Klärchen nicht mehr, denn in allen Läden fast hatte sie Plemperschulden, auch Auguste Vogler bekam beinahe zwei Thaler. Die Schulden machten ihr weiter keine Sorgen, sie hätte es längst bezahlen können und würde auch bald wieder Geld die Fülle haben, es war nur diese augenblickliche Verlegenheit. Den ächten Sammetüberwurf hatte sie schon aufgegeben, es brauchte auch nur ein unächter zu sein, und dazu gehörten kaum einige Thaler. Bei diesem Grübeln führte ihr der Teufel immer den vollen Geldkasten im Schreibtisch der Generalin vor. Stehlen? nein! sie entsetzte sich vor dem Gedanken. Vermissen würde freilich die Generalin eine so kleine Summe nicht, denn schon öfter hatte sie mit Klärchen gesonnen, ob sie nicht einige Posten in ihr Haushaltsbuch einzutragen vergessen hätte, und sich bald beruhigt, wenn sie die Summe nicht finden konnte. Der Gedanke kam wieder und immer wieder, je näher die Zeit der Redoute heranrückte. Für einige Tage wenigstens könntest du das Geld nehmen und legst es wieder hinein, flüsterte ihr der Böse zu. Sie widerstand nicht, was hätte auch in ihr widerstehen sollen? Die Klugheit, ihre einzige Waffe, mit der sie sich vor Sünde und Untergang schützen wollte, rieth ihr gerade den Schritt. Du entlehnst es nur, du nimmst es nicht, sagte diese Klugheit; dazu erfährt es Niemand, und das grüne Sammetgewand ist nothwendig zu deinem Glücke. Am anderen Morgen machte sie das bekannte Manöver mit dem Schlüssel. Ihre Hände zitterten, als sie in den Kasten griff, und angstvoll schlug ihr Herz. Doch als sie den Abend bei der Mutter war und vor dem Spiegel den grünen Sammet probirte, zitterte sie nicht mehr. Ja, als sie einige Tage darauf an des Grafen Arm durch die Reihen flog, als ihre Gestalt laut bewundert, ihre Schönheit gepriesen ward, da schwieg das Gewissen ganz und gar. Der Graf gab ihr den Abend noch einiges Geld, denn sie gestand ihm, daß sie Schulden hätte, und Gustchen Vogler war schon ungeduldig geworden. Zuerst sollte aber die Summe in den Schreibtisch der Generalin gelegt werden, so war es ihre Absicht. Da sie am andern Morgen später als gewöhnlich aufstand, mußte sie es bis zum nächsten verschieben. Den Tag aber überlegte sie sich die Sache noch einmal. Die Generalin hatte nichts gemerkt, sie war gleich freundlich und gütig, von der Seite war Klärchen sicher. Sie nahm sich daher vor: lieber erst die kleinen Schulden in den Kaufläden zu bezahlen, um bei nächster Gelegenheit wieder borgen zu können. Als sie mit dem Rest ihrer Summe im letzten Laden stand, bemerkte sie mit Schrecken, daß diese Summe nicht ausreiche. Noch dazu hatte sie groß gethan, von Bezahlen gesprochen, und der älteste Diener gerade hatte ihr die Summe ausgezogen, mit der höflichen, aber doch ernsten Bemerkung: daß es eigentlich nicht erlaubt sei, Damen in ihrer Stellung solche Vorschüsse zu machen. Klärchens Hochmuth regte sich gewaltig, die Summe mußte um jeden Preis bezahlt sein. Sie, die künftige Gemahlin eines Grafen durfte sich so etwas nicht gefallen lassen. Sie nahm die Rechnung und versicherte, in einigen Minuten wieder da zu sein. Zu Gustchen Vogler ging ihr Weg. Gustchen mußte das Geld geben. Sie versprach heilig, es ihr am anderen Morgen um zehn Uhr wieder zu übergeben. Gustchen war gutmüthig; sie gab das Geld, versicherte aber, wenn sie am anderen Morgen es nicht wieder bekomme, mache sie Lärm bei der Generalin. Mit Triumph bezahlte Klärchen die Rechnung und bemerkte schnippisch: es gäbe Läden, wo Damen ihrer Stellung ganz gern gesehen würden. Darauf schrieb sie gleich bei der Mutter einen Brief an den Grafen, den diese eiligst besorgen mußte. Es war das erste Mal, daß Klärchen Geld forderte, aber Noth bricht Eisen, und dieser Aufforderung konnte er gewiß nicht widerstehen. Mit klopfendem Herzen wartete sie auf der Mutter Rückkehr; diese aber brachte den traurigen Bescheid: der Graf sei nicht zu Hause. Die Mutter versprach: so oft hinzugehen bis sie ihn spreche, und bis morgen früh um zehn das Geld anzuschaffen. Der Abend verging, der Morgen verging, die Mutter kam nicht. Endlich brachte sie den Bescheid, der Graf sei gestern spät Abends nach Haus gekommen, aber heut früh verreis't. Klärchen war außer sich, Gustchen kam dazu und wurde mit den heiligsten Versprechungen bis morgen vertröstet. Noth bricht Eisen, dachte Klärchen, morgen früh hole ich Geld aus dem Schreibtisch; hat sie es einmal nicht gemerkt, wird sie es das andere Mal auch nicht merken. Den Abend mußte die Mutter noch einmal nach dem Grafen aussehen. Er war noch nicht zurück, und Klärchen ging am andern Morgen mit großer Bestimmtheit an ihr Werk. Diesmal war sie kühner. Sie nahm nahe an drei Thaler und wollte eben den Kasten wieder schließen, als sich die Thür hinter ihr öffnete, und die Generalin herein trat. Klärchen schrie laut auf. – Also doch! sagte die Generalin. Klärchen hielt beide Hände vor das Gesicht. Ihre Sinne wollten schwinden.