Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort, und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem ward Klärchen in die eleganten Läden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mühe zum Sparen. Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von der Seite war also für ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer und Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen Tag nicht aufzog, sang er die schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst spröde gegen ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen gar sanften Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte Höhe der Leidenschaft kam, würde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie berechnete freilich nicht, daß sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne Erfahrung, das zu wissen und zu merken.

So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte. Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint, das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem Herzen.

Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang, ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken, schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich. Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben: er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.

Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend; es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl die Neugierigste bin.

Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber stand.

Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen; doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten: das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen. Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen, bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden. Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben und Treiben – die Augen der Liebe sehen scharf –, auch wußte er daß der Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.

Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem 90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller, die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, – schaute er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam. Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das schöne Lied:

Jahre gehn und fliehen,
Blumen, die da blühen,
Welken traurig ab!
Was da grünend stehet,
Wandelt und vergehet
In ein düstres Grab!
Bleiben wir wohl ewig hier? –
Was genommen ist von Erden,
Muß zur Erde werden.
Eines unter Allen
Kann nicht fliehn und fallen,
Wenn auch Alles fällt:
Was aus Gott geboren,
Gehet nicht verloren
In dem Grab der Welt;
Seine Zeit heißt Ewigkeit –
Selig, wer in guten Stunden
Dieses Eine funden.
Der für uns gestorben,
Hat es uns erworben
Einst mit seinem Blut;
Jesus, unser Leben,
Kann dem Sünder geben
Dieses Eine Gut;
Seine Kraft bewirkt und schafft,
Daß geweihet sei die Seele
Mit dem Lebensöle.
Weichet, Lust und Sünde!
Einem Gotteskinde
Habt ihr nichts mehr an.
Denn dem Gott der Ehren
Muß mein Herz gehören,
Ihm dem Schmerzensmann.
Ihm erkauft, auf ihn getauft,
Steh ich in dem Grund der Gnaden.
Was kann da mir schaden?
Tage, Jahre, fliehet!
Lust und Glanz, verblühet!
Gräber, öffnet euch!
Wenn die Glieder sterben,
Werd ich ja ererben
Meines Heiland's Reich!
Wär sie nah', ach wär sie da,
Jene Zeit, da ich erstritten
Gottes ew'ge Hütten!

Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören, und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben – Grab – und Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung. O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut – solche Blicke müssen sein Herz rühren.

Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die Lust und Unruhe der Welt.