Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen passt ganz besonders für Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen Hauses, immer freundlich, gefällig, sehr gewandt und fleißig, und aus einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine außerordentlich geachtete Frau. Von der ist Klärchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das Schneidern lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.
Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin.
Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht vernünftig. Die Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen und ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit Thränen an, daß sie sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie dazu kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh gewesen sei, der Kundschaft wegen für das Aeußere zu sorgen.
Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, – entgegnete die Generalin.
Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich sie Ihnen, weil sie so liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hübsch; aber vor allen Dingen – Sie müssen sie sehen, theuerste Frau!
Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klärchens besondere Gönnerin. Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte Klärchen deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich sie in das beste Licht zu stellen. Es währte nicht lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt über die Schönheit des Mädchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken verstummen – und sie schloß den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein Louisd'or zu Weihnachten, außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin entzückte sie, ja so sehr, daß der Mediziner fast darüber vergessen ward. Die großen Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich – redete sie sich vor – sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein, sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee serviren. Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie, der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu leicht denken mußt. – Klärchen, die voll der schönsten Hoffnungen und sehr guter Laune war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu gutmüthig, um das nicht glauben zu müssen. Auf die Fragen über den Zustand ihrer Wäsche, hatte sie geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit sagen können, und ihre Angst war schon längst gewesen, die Tante möchte sich einmal selbst davon überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt, sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn ganz besonders Wäsche anzuschaffen. Die Mutter muß sich einschränken lernen, fügte sie hinzu; Du weißt, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen; wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich anschaffen. – Das klang vernünftig, und die Tante war damit einverstanden. Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene Taschentücher und zwei Paar Strümpfe.
Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit gehabt, und die Taschentücher sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn Du zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du weißt, wir können die baumwollenen nicht leiden.
Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte sie herzlich.
Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen.
Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene Kleider, Mantillen, Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, außer der wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentücher; die sechs leinenen Taschentücher und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem aber stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Köchin bemerkt: man sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von guter Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß das Stübchen im Nebenhaus, und der Mediziner gerade hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine Liebelei im Hause geben. Die Köchin aber nahm Klärchens Partie. Ihre Küche lag gerade gegenüber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen das Rouleau niederließ, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster sah. Klärchen aber hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den Mediziner kann nicht schaden.