Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und sah drüben auf dem alten schrägen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf, und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreißig Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen über der Werkstatt wohnte. Er war der Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling. Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden ein Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, da oben stricke und esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte »Gretchen, so recht, so recht,« und sein Dompfaffe sang »Lobe den Herrn o meine Seele«. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin: »Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: »Gretchen, so recht.«

Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz aber rief: »Jungfer Gretchen,« und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch andere Zeiten seien.

Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze weich; was ist Dir denn?

Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich nicht gesungen, sagte Gretchen; ich glaubte, ich wäre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm aber herüber und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß nicht recht, was ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll.

Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, – nichts behagte ihr. Der Nachmittag wollte nicht kürzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat? Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden, und ob er so aussähe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört ging sie in dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Büschen hatte sie als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut, und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt gesessen, noch lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in die Welt schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf den Hof, dem Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch eine hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden Flieder- und Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen konnte nicht widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen, an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen dunkel und glanzlos aus, weder Haube noch Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths waren in ein Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den anderen Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger schaute sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und öde macht, so zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold umsäumt. Gretchen schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am blauen Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog ein Schwan, bald eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar eines Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brüderlein, deren sie sich noch ganz leise aus frühester Jugend erinnern konnte, und mit sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster lockte.

Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, und war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; er aber reichte ihr freundlich die Hand über das Stacket hinüber. Das war nun Gretchen mit dem blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden rothen Mund. Sie war nicht groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und stand mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich gar sittig vor ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine Verlegenheit nicht, sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er auch hinüber kommen dürfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen höflichen Knix.

Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen Burschen muß man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür, wie es sich gehört.

Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock aussah, so hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause liegen, und überhaupt mußte der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthür klopfte. Sie ging zu öffnen und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor der Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. Gretchen hätte gar nicht gewußt wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. Frau Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz mußte wohl oder übel gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte Frau Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm zuweilen unbewußt über die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht es ihn zurück in die Ferne? Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich war? Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein war, schaute sie hinauf zu den Sternen mit gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte sich Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid auf die Herzen der Menschen legt.


Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer jüngeren Dame in eifrigem Gespräch.