Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn selbst heute Morgen herauskommen sehen.

Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das paßt ja wie die Butter aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten sie immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein mit der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thränen und Seufzen genossen. Nun, ich gönne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu hübsch für die Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, denn Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein Glück, nota bene weil sie selber nicht schön ist.

Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung bringen, – und sie setzten sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Späße herüber zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. Klärchen wunderte sich nicht darüber, sie hatte schon längst mit ihm auf der Straße koquettirt, sie wußte auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin, ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt sich einen großen Neufundländer Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine Freunde in einem Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und überall zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt war groß und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die blauen Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er höchst unmanierliche Späße. Klärchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener Familie war (sein Vater war Präsident), fand sie es nur pikant, und hielt sich nicht für zu gut, ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre Schönheit auf ihn Eindruck machte, und sie in seinen Augen höher stieg, denn er nahm die Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Für Klärchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten längst, sie ging bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges Herz gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete jetzt die Gefährtin um diese bedeutende Eroberung, und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen Laube saß Fritz Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich aus ihrer Jugend, daß, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht hatte und Grete oft darüber böse gewesen war. Also: damals hatte er sie bevorzugt, heute war er erstaunt über ihre Schönheit, – so kalkulirte sie, – und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz ungerührt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen Menschen herablassen; und dann fürchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte den Spion spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel als möglich so gesetzt, daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekümmerten und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.

Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und sie erklärte die Ursache ihres Aergers.

Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natürlich, einem hübschen Mädchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den lästigen Blicken sicher war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen war. Jetzt fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward immer lebhafter. Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getümmel sich zu erhitzen und zu betäuben.


Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schönen Mädchen das kleine Klärchen Krauter wieder erkannt, und die schönsten und süßesten Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch dachte er mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam, um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwölfjährigen Mädchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr möchte dies Blümlein schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen werde? das stand in Gottes Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und fröhlich ging er durch die schöne Gottes-Welt, er sah Berge und Thäler und Flüsse und Fluren, manch große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen und Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses Gewissen, durch Armuth und Noth. Er hatte das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des Wanderlebens. Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand er, die mit ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten; selten verließ er eine Stadt, daß er nicht mit Wehmuth darauf zurück sah, weil er Freunde für sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und kam er zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verführen suchten, so waren auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers und der Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe des Trösters, seine Liebe und Gnade fühlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher, seine Hände immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend auf der Höhe am Rand des Waldes saß, die Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: – da ward es ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft und Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen Mädchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe am Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt war aus dem Jüngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es fehlte an allen Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen zur Rückkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25 Jahr alt, nach dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine Hausfrau, und der Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen verließ er den Thüringer Wald und wanderte einige Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß schwach und krank im Lehnstuhl, aber Dank- und Freudenthränen glänzten in seinen Augen, als der Sohn nach so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, und Fritz mußte ihm am selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen.

Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr gesprächig, und in seiner Gesprächigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler liebsten Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier im Haus Frau Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein.

Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hörte, und hatte er schon vorher wenig Muth gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte er es jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber zur Frau Nachbarin gehen, aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse, wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht gefährlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer; denn wenn Gretchen auch ein braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der Kirche kam und unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung einer jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich anreden; er schlich sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend seine Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens Fenster vorüber. Er konnte sie nicht entdecken, nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück schaute sie nicht auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen müssen. Er ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er grüßte sie und sein Herz schlug vor Glück, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie den Mädchen nachfolgen. Es würde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen schützen, er ahnete nicht, daß sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als geängstigt würden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen. Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der Mädchen leichtfertiges Spiel. Klärchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre verächtlichen und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefühlen ging er nun nach Hause! Das Geschehene zerstörte zu hart seines Herzens Pläne. Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand genommen. In dieser Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen, nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmädchen, die feiernd in der Hausthür saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte er seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut ganz anders als gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. Die düstere Weinlaube erschien ihm gar nicht düster, er dachte: bald wirst du nicht mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und es lag ihm auch gar nichts daran, daß es anders sei. Er schaute durch die Weinranken hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom Uebel; wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du sie nicht. Aufgeben? ja das ist wohl schwer, und daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward, mußte es ja dem Erlöser droben noch schwerer werden, eine geliebte Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete sich in feuchten Augen auf. Da hörte er plötzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen; hell und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen die Töne, und ganz deutlich die Worte zu ihm herüber:

Will ich nicht, so muß ich weinen,
Wenn ich mir es recht betracht,
Weil verlassen mich die Meinen,
G'nommen eine gute Nacht.
Ach, wo ist mein Vater und Mutter?
Ach, sie liegen schon im Grab.
Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern?
Keinen Freund ich nirgends hab.
O, mein allerliebster Jesu,
Schau mich armes Waislein an,
Du bist ja mein liebster Vater,
Sonst mir Niemand helfen kann.
Weil mein' Eltern sein gestorben,
Leben nicht auf dieser Welt,
So hab ich Dich, liebster Jesu,
Für mein'n Vater auserwählt.