Es grüßt Euch herzlichst

Euer
Udo

VII.

Liebste Thilda!

Du verlangst eine ausführliche Schilderung des englischen Landhauslebens und wünschest, daß ich Dir über Einrichtung, Tagesvertheilung, Beschäftigung, das Innere und Aeußere des Menschen einen „recht dummen Brief, recht nach Deinem Herzen“ schreibe. Gut, mein Kind, das fällt uns nicht schwer!

Also: bald nach acht Uhr Morgens erscheint ein steifer Diener, ohne guten Morgen zu sagen, mit feierlichem Gesicht in meinem Zimmer, zieht die Vorhänge zurück, stellt eine riesige Kanne mit heißem Wasser ans Bad, legt meine genial herum verstreuten Kleidungsstücke mit peinlicher Sorgfalt zurecht und bringt dann eine Tasse Thee mit ätherisch dünnen Butterbrotscheibchen auf einem Tablett sammt den eingelaufenen Briefen an mein Bett, indem er mit gedämpfter, gemessener Stimme hersagt: „Prayers at 9.30, Sir.“ Um besagte Zeit erschallt ein gewaltiger Tamtam, man versammelt sich in der großen Halle und nimmt auf den alten geschnitzten Bänken und Stühlen Platz. Dann naht sich der imposante Zug der Dienstboten, voran die würdige Haushälterin, dann Mrs. Farringham’s Jungfer, dann die übrigen Gäste (genau nach dem Rang ihrer Herrschaften), dann ein gutes halbes Dutzend in lila oder rosa Kattun gekleideter Hausmädchen oder Küchenfeen mit niedlichen weißen Häubchen, dann der an einen Staatsminister a. D. mahnende Haushofmeister, die fremden Kammerdiener und schließlich zwei Diener in Livrée. Die Agneta Farringham begleitet einen Choralvers auf der Orgel, dann verliest der Hausherr einen kurzen Bibelabschnitt, darauf kniet alle Welt nieder, um gemeinschaftlich das Vaterunser zu beten. Feierlich in derselben Reihenfolge zieht die Dienerschaft wieder ab, einige verspätete Gäste erscheinen und entschuldigen sich, man wirft einen Blick auf den Stoß sorgfältig aufgeschnittener und ausgebreiteter Morgenzeitungen und steht plaudernd herum, bis das sehnlichst erwartete Frühstück angemeldet wird. Die Diener verlassen das Zimmer, man versorgt die Damen und sich selbst mit den mannigfachen Eier-, Fisch- und Fleischspeisen, mit den frisch gebackenen, noch warmen Brötchen, mit Eingemachtem, Obst, Kuchen, mit Thee oder Kaffee. Auf Hoyen’s eindringlichen Rath nehme ich nie das Letztere, und als ich einmal aus Zerstreutheit mich in Lady Southerley’s Haus daran vergriff, sträubten sich meine Haare vor Entsetzen. Selbst Hoyen, der sonst Alles weiß und Alles erklärt, steht rathlos vor dieser Erscheinung und schlägt die Hypothese vor, daß der Genius eines Volkes zu gutem Kaffee oder zu gutem Thee, nie aber zu beidem lange.

Nach dem Frühstück schlendert man ein bischen durch die tadellos sauberen Ställe, dann zieht sich der Hausherr in sein Arbeitszimmer zurück, die Hausfrau hält Zwiegespräche mit der Wirthschafterin, und die Gäste lesen Zeitungen oder schreiben Briefe (in jedem Wohn- oder Schlafraum befindet sich ein auf das Vollständigste eingerichteter Schreibtisch). Einige der jungen Damen — bekanntlich aquarelliren alle Engländerinnen — malen das alte, stattliche Tudorhaus mit seinen verwitterten Giebeln und den von Schlingpflanzen umrankten steinernen Erkern. Die älteren Damen gehen im stilvollen alten Garten herum und betrachten und notiren sich die neuen Blumensorten der bunten, dichtgedrängten Staudenrabatten, welche in England die früheren Teppich- und „italienischen Salat“-Beete glücklich verdrängen.

Um zwei Uhr giebt es zum Luncheon wieder warme und kalte Fleischgerichte, warme und kalte süße Speisen, nebst Kuchen, Käse und Obst; dann wird ausgeritten, ausgefahren oder ausgegangen. Zum Thee um fünf Uhr findet sich meistens ein Besuch aus der Nachbarschaft ein, und man sitzt unter den uralten Cedern auf dem sammtgleichen Rasen, mit dem Blick auf die Rosenbeete und gradlinigen Teiche, in welchen die Taxushecken und verwitterten Statuen sich spiegeln. Dann wird eifrig Tennis gespielt, bis der Tamtam zum Umziehen mahnt. Die Damen erscheinen zu Tisch in voller Gesellschaftstoilette, mit Diamanten und Blumen, nur im ganz kleinen Familienkreis erlauben sich in den letzten Jahren die Herren jene kurzen Jacken, welche man auf dem Festland Smoking benennt, und die Damen lose Prinzeßkleider aus Seide oder Plüsch, die übrigens ganz hübsch sind — Du könntest Dir so etwas zu Weihnachten mal wünschen!

Das Mittagessen um acht verläuft ähnlich wie anderswo, doch trinken viele Herren nur Apollinarisbrunnen oder Cognac mit heißem Wasser, welches für ebenso hygienisch wie Chic gilt, ja, einige... brrrr... nehmen das Letztere ohne Cognac! Die Speisen sind der späten Stunde entsprechend leicht und werden in auffallend kleinen Portionen verabreicht, auch das angeregteste Gespräch wird mit gedämpfter Stimme geführt, und Hoyen behauptet, daß z. B. ein deutsches Hochzeitsmahl Engländern, ja allen Ausländern, wie das „wüste Geschrei entsprungener Tollhäusler“ erscheinen würde. Nach dem Obst lächelt Mrs. Farringham die vornehmste Dame verständnißvoll an, man erhebt sich, und in ihrer genauen Rangreihenfolge segelt alles Weibliche hinaus.