Vor einem großen Spiegel, in der mit japanischer Goldtapete bekleideten Wand, führte Miß Vere in einem faltigen, schillernden Gazegewand einen Serpentintanz vor. Bald war er schmachtend, bald wild belebt. Ich harmloser Mensch kannte so etwas bisher nur von „Ronacher“ oder vom „Wintergarten“, und der Gedanke, daß ein hoffähiges, junges Mädchen dergleichen producirte, war mir etwas verblüffend. Freilich so poetisch war mir noch niemals ein Tanz vorgekommen, und wieder schien jede Bewegung, jedes Lächeln dieser Dolly eine erhöhte Vitalität um sich her zu verbreiten — sie ist eben eine Persönlichkeit.
Die ganze Nacht hat sie mir vorgespukt, und ich habe verwünscht schlecht geschlafen.
VI.
London, 82 North Audley Street.
Liebe Eltern!
Wieder bin ich auf dem Sprunge, in Folge einer verlockenden Einladung aufs Land, welche heute früh ganz unerwartet vom Himmel herunterschneite.
Als wir in Haslemere den Londoner Zug bestiegen, erkannte Hoyen eine Dame in einem Wagen dritter Classe, wir setzten uns dort hinein, und ich wurde Miß Farringham vorgestellt. Ihr vorzüglich sitzendes Herrenschneiderkleid, die kostbare juchtene Reisetasche und die hochherrschaftliche Jungfer schienen so wenig in die Wagenclasse zu passen, daß man mir eine gewisse Ueberraschung wohl ansah. Lachend erzählten mir die junge Dame und Hoyen, gerade das wäre jetzt der neueste Chic; in diesen Zeiten des landwirthschaftlichen Niedergangs habe kein irgend wie anständiger Mensch noch Geld, die Bedürfnisse stiegen aber zusehends, und so wäre man auf den genialen Einfall gekommen, hierin zu sparen. Nun ist es gang und gäbe, selbst auf den vornehmsten Landsitzen kommen einige der Gäste in der dritten Classe an, werden vom Bahnhofsvorsteher wie vom betreßten Diener mit genau derselben devoten Aufmerksamkeit wie früher empfangen und schwelgen in dem tugendstolzen Gefühl der Sparsamkeit. Hoyen beklagte lebhaft, daß, in Folge seiner exaltierten Stellung als zweiter Botschaftssekretär, „Excellenz“ es ungern sähe, und Miß Farringham bedauerte die zurückgebliebenen Ansichten ihrer Eltern. Viel moderner empfände der unsinnig reiche Herzog von Eastminster, der kürzlich anfing, besagte Classe zu benutzen; darüber sittliche Entrüstung Seitens der Eisenbahndirectoren; beim nächsten vorkommenden Fall wird ein Schornsteinfeger zu ihm herein gesteckt, worauf der Herzog eine Zuschlagskarte kauft, den grinsenden Reisegefährten höflichst in die erste Classe befördert und selber in seiner dritten verbleibt. Es gäbe aber doch für unsereins noch die zweite Classe, wandte ich zaghaft ein, aber entsetzt antworteten beide: „Die ist unmöglich, die ist nun einmal nicht ‚reçu‘.“
Miß Farringham erkundigte sich sehr liebenswürdig nach meinem bisherigen englischen Aufenthalt wie nach meinen Plänen und bat darauf uns beide, ihre Eltern gleich heute Abend auf einige Tage in Harting Hall zu besuchen; wir würden einen herzlichen Empfang und einige ihrer netten Bekannten dort antreffen. Auch sei die Hauptsaison in London schon wirklich vorüber und eine Menge Familien bereits aufs Land, wo es bezaubernd sei, zurückgekehrt. Hoyen sagte, ich müsse mit allen Händen zugreifen, denn Harting Hall sei ein typischer englischer Landsitz, und ein englischer Landsitz das Vollkommenste in der Welt; wenn sein Chef irgend wie Vernunft annehme, würde er ebenfalls mit Freuden kommen, und unsere Londoner Verabredungen ließen sich alle noch abtelegraphiren. Ich stammelte meinen Dank, frug Hoyen aber später, als wir allein waren, ob ich wirklich solche Freundlichkeit wildfremder Menschen annehmen dürfe. „Natürlich,“ antwortete er, „erstens haben ihnen augenscheinlich einige Herren im letzten Augenblick abgesagt, zweitens sind die Farringham’s äußerst gutmüthige Leute, drittens ist man überhaupt hier zu Lande sehr gastfrei.“
Also — warum nicht!