So nimmt dieser erste englische Sonntag einen recht unerwarteten Verlauf, ist aber auch, wie Hoyen mir eindringlich vorhält, keineswegs der echte, typische, sondern nur die Abart einer vorgeschrittenen Londoner Sippe. Ich wollte besagten Sonntag noch benutzen, um mich recht eingehend für Eure Briefe zu bedanken, doch reicht weder Zeit noch Papier und ich schließe, von Herzen

Euer
Udo.

Nachtrag. Früh morgens.

Schließlich verlief der gestrige Abend ganz anders. Kaum war obige Epistel beendet, als Hoyen aufgeregt auf mein Zimmer kam und mir verkündete, ich hätte frevelhaftes Glück. Er sei eben einer Mrs. Groven begegnet, welche ihn und mich gleich auf der Stelle zum heutigen Mittagessen eingeladen hätte, wir würden ihre Nichte Dolly Vere und mehrere der leitenden „Seelen“ bei ihr treffen. Mein Gesichtsausdruck war wohl auffallend unintelligent, denn Hoyen, peinlich berührt, fuhr fort: „Du willst mir doch nicht einreden, daß Du fast eine Woche in England verbracht hast, ohne von Dolly Vere und ohne von den ‚souls‘ gehört zu haben?“ Beschämt gab ich es zu, und nun erläuterte er mir, daß Dolly Vere die berühmteste unverheirathete Dame von ganz England sei. Sie wäre die kühnste Reiterin, die beste Tänzerin, hätte ein überraschend klares und feines Urtheil über Menschen, Kunst und Literatur, sei schlagfertig im Wortgefecht und übersprudelnd von originellen Einfällen. Sie hätte Dutzende von Herzen gebrochen oder wenigstens dauernd beschädigt, ein sehr gelesener satirischer Roman wäre kürzlich über sie erschienen, und die bedeutendsten Menschen suchten ihre Bekanntschaft. Jetzt bildet sie zugleich mit Arthur Balfour unbestritten den Mittelpunkt der „Seelen“, d. h. des neuesten „inneren Kreises“, welcher alle höhere, geistige, ethische und künstlerische Cultur für sich pachtet. „Bester Willy,“ bat ich demüthig, „gehe lieber allein hin; ich habe überreichlich viel Geist in den letzten vierundzwanzig Stunden genossen! Ich bin ein simpler preußischer Assessor und zukünftiger Landjunker und mache faktisch keine Ansprüche darauf, eine ‚Seele‘ zu sein, noch zu ‚Seelen‘ zu passen.“ Aber Hoyen kannte kein Erbarmen. Die Euston Browns hätten sich über unser unverhofftes Glück so gefreut, hätten es mir speciell so gegönnt und würden uns beim Ingenieur schon entschuldigen. Alles wäre eingerichtet, und ich sei schauderhaft undankbar gegen meinen Stern.

Das war ich auch, denn bewußt oder unbewußt war die Gesellschaft höchst unterhaltend.

Wir hatten uns Alle im Wohnzimmer versammelt, ehe die berühmte Miß Dolly hereinkam, und bei ihrem Erscheinen war es, als ob eine gesteigerte Vitalität uns durchfuhr. Es liegt etwas geradezu ansteckend Lebhaftes in ihren sprühenden dunkeln Augen, in ihrem wirren kohlschwarzen Haar, in ihren feinen, zuckenden Lippen. Jede Bewegung der schlanken, von rauschender gelber Seide umflossenen Gestalt hat eine eigenthümliche, nervöse Grazie, und ohne laut zu sein, hat ihre Stimme, ihr Lachen eine vibrirende, aufregende Färbung. Als wir eben zu Tisch gingen, rief sie entsetzt, wir wären ja Dreizehn, das sei gegen ihre Grundsätze, und sie würde sich einen Vierzehnten besorgen. Resignirt setzte sich ihre Tante wieder hin, sanft bemerkend: „Wen Dolly uns nur holen wird? Wahrscheinlich Bob“ (die betreffende junge Dame reist immer mit zwei Reitpferden und ihrem Groom). Es war aber nicht der Groom, sondern das Skelet aus dem Laboratorium des seligen Hausherrn, mit welchem sie triumphirend zurückkehrte. Matt protestirte die Tante, aber Dolly bestand auf den Vierzehnten ihrer Wahl, ging Arm in Arm mit dem fletschenden Klappergerüst zu Tisch und setzte dasselbe mit liebender Sorgfalt auf den Stuhl zu ihrer Seite.

Der stumme Gast störte augenscheinlich keinen, denn ein gewandteres, interessanteres Tischgespräch habe ich wenigstens noch niemals gekannt. Mit unmerklichen Uebergängen glitt man von einem Gegenstand zum anderen, von Paul Verlaine auf Charcot’sche Versuche, von der Tragweite der Belfastischen Riesenversammlung auf die Charakterentwicklung des deutschen Kaisers, vom psychologischen Problem des jetzt zur Verhandlung kommenden Mordes auf Burne Jones’s letzte Schöpfung. Dolly Vere und ein junger Parlamentarier, Reginald Pane, gaben den Ton an, ohne das Gespräch jedoch an sich zu reißen, alle Uebrigen hatten ihr Wörtlein zu reden, konnten aber auch meisterhaft zuhören. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir der hinreißende Zauber, den französische Salons in den alten Zeiten ausübten, an einem lebenden Beispiel erläutert.

Nach Tisch zogen wir Alle, der englischen Sitte schnurstracks entgegen, in das anstoßende Treibhaus, wo man sich paarweise in den lauschigen verstreuten Rohrstühlen niederließ, Cigaretten rauchte und gründlich „flirtete“. In einem von Palmen, Venushaar und Schlingpflanzen geformten Versteck saß ich einträchtiglich auf einer kleinen Bank mit der hübschen Lady Olivia, und sie erzählte mir von den Einflüssen ihrer Jugend und von ihrer seelischen Entwicklung. Sie erzählte gut, hatte weiche, weiße Arme und schläfrige, halb verschlossene Augen; so war ich keineswegs beglückt, als aus dem Nebenraume Klänge ertönten und einige vorbeihuschende Paare uns zuriefen, wir müßten augenblicklich ins Wohnzimmer, Dolly würde tanzen. (Alle Seelen, Männlein wie Fräulein, nennen sich beim Vornamen und in Momenten großer Erregung küssen sie sich öfters.)

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GRÖSSERES BILD]