Hier ist es fabelhaft hübsch, durch das winzige Fenster klettern Rosen, dann kommen jenseits vom Rasen lange Rabatten von Lilien und Mohnblumen, dann saftige, sonnige Wiesen und schattige Bäume, und dann wieder Viehweiden und Hecken und immer dunstiger werdende Bäume, und endlich ferne, umflorte, blaßblaue Berge. Die Gegend erscheint still und weltentrückt, und erst beim längeren Herumspazieren zeigen sich die von Bäumen und Büschen umstandenen malerischen Gehöfte und die vielen neuen Häuschen im gefälligen, anspruchslosen „cottage“-Stil, d. h. rother, leicht verwitternder Backstein, unregelmäßige Giebel, Erkerfensterchen, ein kleines Hauptportal, Alles von Jelängerjelieber, Clematis und Heckenrosen umrankt. Hier und da gibt es auch alte herrschaftliche Landhäuser, hier und da haben reiche Londoner Kaufherren sich prachtvolle Besitzungen geschaffen, aber besonders häufig und für die Gegend besonders charakteristisch sind diese anheimelnden „cottages“, in welche Maler, Schriftsteller und Gelehrte sich aus der Großstadt herausflüchten. Jeder sich neu anbauende Mensch gilt natürlich anfänglich als Volksfeind, der aus krassem Egoismus diese unberührte Ländlichkeit zu zerstören gedenkt. Die Gefahr liegt ja auch nahe, aber noch verbergen die üppigen Bäume jedwede Londoner Eindringlinge, und der hier bestehende geistig angeregte Verkehr kommt wohl sonst auf dem Lande nicht leicht wieder vor.

Die Euston Browns gehören zu den „ästhetischen“ Kreisen, welche die gute Miß Stevens uns so oft und so begeistert beschrieb. Während aber ihre Bekannten den Ruskin, Dante, Botticelli und die Hochkirche anhimmelten, schart sich die Euston Brown’sche Gemeinde um Swinburne, Schopenhauer, Wagner, Villon, die „Décadents“ und ähnliche Herrschaften. Ich braver Märker kam mir natürlich etwas entgleist vor, doch Hoyen macht auch dieses mit und erwähnte bereits in der ersten Stunde die „Princesse Maleine“, den „Uebermenschen“ und Whistler. Unsere Wirthe sind beide noch jung, sie ist blaß, schmal, nicht eigentlich hübsch, wenn ihr auch gestern Abend ein matt-lila faltiges Kleid aus schmiegsamer Seide und der Reif antiker Münzen in den zerzausten braunen Locken vorzüglich stand. Er trägt Jacken und Kniehosen aus Sammet, hat längliches Haar, ist aber im Uebrigen wirklich ein durchaus netter, anständiger Mensch. Seine Bilder sollen von mehreren Collegen und einem Kritiker außerordentlich geschätzt werden; sie sind „Naturempfindungen“, und man muß sie aus einer möglichst großen Entfernung besehen. In Anbetracht der Kleinheit des Hauses stellten wir uns im Eßzimmer auf und sahen durch die offene Thür über den Flur in das Atelier, wo die Staffelei sich ganz hinten befand. Erst starrte man perplex auf einzelne Farbenflecke, dann allmälig bekam man den Eindruck von Nebel und Nässe und einem einsamen Schaf, oder von ebbender Fluth und abendlichem Dunst und einem geflickten Netz — aber schließlich empfand man doch wirklich die betreffende Stimmung und wurde wirklich dorthin versetzt.

Zu Tisch hatten sie einige Nachbarn, den berühmten Professor Tuxley und den Schriftsteller Dennison geladen. Tuxley machte einen recht humanen Eindruck und erzählte in interessanter Weise über seinen Collegen Darwin; der Andere ist Hauptapostel der Comtisten in England und ritt geistvolle Principien nach Tisch. Die Unterhaltung war eine allgemeine, an der auch die Damen sich lebhaft betheiligten. Ich saß neben Miß Tuxley, einer wohlgenährten, vergnügten Lehrerin der Mathematik in einem Oxforder Frauen-College und neben der schönen Mrs. Dennison, welche ihre sieben Kinder nach Comtistischen Grundsätzen in ursprünglicher Einfachheit erzieht. Das Essen war anspruchslos, aber auf das Sorgfältigste zugerichtet, nur ein Wein wurde herumgereicht; der Tisch war allerliebst mit schillerndem venetianischen Glas, mit Heckenrosen und Zittergräsern geschmückt.

[❏
GRÖSSERES BILD]

Da die Euston Browns ein sehr geringes Vermögen besitzen und seine Kunstwerke noch nie einen zahlungsfähigen Liebhaber fanden, müssen sie sich einschränken, und die junge Hausfrau erzählte mir, daß sie mit einem Dienstmädchen und dem Stalljungen auskommen und daß sie in Folge dessen sich die ersten drei bis vier Morgenstunden auf das Eingehendste mit der Wirthschaft beschäftigt. „Zum Luncheon bin ich aber fix und fertig, und mein Mann verlangt, daß ich den übrigen Tag mit ihm spazieren gehe, Tennis spiele, musicire, Besuche mache und die häuslichen Angelegenheiten, die kleinen Miseren nie mit einer Silbe erwähne.“ Ihre ultra-subtilen, etwas überspannten ästhetischen und ethischen Ansichten scheinen ihren praktischen Menschenverstand aber keineswegs zu beeinträchtigen, denn als wir drei Herren von einem längeren Spaziergang kurz vor dem Luncheon zurückkamen, lag Frau Enid im weißen Kleid in der Hängematte unter den Apfelbäumen und las Rossetti’sche Gedichte, während das kleine Hauswesen auf das Netteste und Pünktlichste geordnet war.

Am Nachmittag fuhr mich Euston Brown im kleinen Wägelchen nach dem Schauplatz von Armgard’s Lieblingsroman, „Robert Elsmere,“ nach der Pfarre, wo er und Catherine die ersten, ereignißreichen Ehejahre verlebten. Mrs. Humphrey Ward hatte dieses Haus einen Sommer über bewohnt und sich in ihrem Buch ganz streng an die Oertlichkeit gehalten. Der Pfarrer findet sich mit gutem Humor in die Rolle des „Nachfolgers“ und zeigte uns die verschiedenen Zimmer und die verschiedenen Stellen im Garten, wo diese erfundenen Auftritte, die doch viel tausend Menschen bewegt haben, sich abspielten. Von „Robert Elsmere’s Pfarrhaus“ wissen jetzt aber leider auch Andere, und diesen Sommer lagerten wißbegierige Amerikaner in den benachbarten Feldern, mit Operngläsern und Butterbrot versehen. Recht ähnlich war aber auch unser Betragen, als wir einen abgelegenen, von Haidekraut und Farren bedeckten Bergrücken bestiegen, um von dort aus nicht nur die weite Aussicht aus das bewaldete hügelige Land zu genießen, sondern auch mit Feldstechern das nur von diesem hohen Standpunkt aus ersichtliche, in Waldungen sorgsam versteckte Haus des großen, halb mythischen Einsiedlers Tennyson zu erspähen.

Abends gehen wir mit den Euston Browns zu einem reichen Ingenieur. Auf einer dieser Anhöhen soll er sich ein wahres Paradies erschaffen haben; außerdem ist er leidenschaftlicher Wagnerianer, und nach Tisch wollen die hervorragendsten Londoner Musiker nach Kräften götterdämmern.