Anders verlief der Roman ihrer Freundin, der Lady Susan, aber auch in diesem spielte Holland House eine Rolle. Eines schönen Tages verließ sie dasselbe, um, von einem Diener begleitet, spazieren zu gehen; um etwas Vergessenes zu holen, schickte sie ihn in das Haus zurück und gab vor, auf der Straße ihn erwarten zu wollen. Hier harrte ihrer aber ein schöner Schauspieler, O’Brien, mit einem Miethswagen, fort fuhren sie nach einer Kirche und ließen sich trauen. Hatte Harry Fox damals eine gesellschaftlich über ihm stehende junge Dame entführt, wurde das Vergehen an seiner Nichte gerächt! Weder meine Führerin, noch das Foliobuch konnten mir jedoch mittheilen, ob auch diese Ehe so befriedigend verlief.
Aber die berühmteste Epoche von Holland House ist die Zeit von etwa 1800-1840, in welcher der dritte Lord Holland und seine Gemahlin die geistig bedeutendsten Londoner Kreise um sich versammelten. Alle Bedingungen zu der schönsten Geselligkeit waren da. Den Rahmen lieferte die fürstliche Pracht, die wohlthuend ländliche und doch erreichbare Lage des Hauses. Auf Reisen im Ausland, im Verkehr mit den meisten europäischen Berühmtheiten hatten sich die Wirthe eine kosmopolitische Gewandtheit erworben; begabt und angeregt, fesselten sie die hervorragendsten Menschen an ihr Haus, schlossen echte, langjährige Freundschaften. Ich muß sagen, es sind Menschen und Verhältnisse, deren man gern gedenkt. Vielleicht erinnert Ihr Euch aus der Macaulay’schen Biographie, wie oft er diesen glänzenden, ästhetisch anregenden Kreis erwähnt. Der Hausherr war, der Familientradition folgend, ein Whig; mehrere hohen Aemter wurden ihm zu Theil, Ende des vorigen Jahrhunderts befürwortete er bereits die erst lange nachher durchgedrungene parlamentarische Reform, wie auch die Emanzipation der Katholiken. Ein leidenschaftlicher Literaturfreund, interessirte er sich ganz besonders für die spanischen Klassiker und übersetzte mehrere derselben. Den Kaiser Napoleon kannte und verehrte er, auch nach dessen Sturz bewahrte er ihm die treuste Bewunderung; vorhin war ich auf der Terrasse, neben altmodischen Taxushecken, auf seine Statue gekommen. Er galt für den feinsten, geistvollsten Gesellschafter, für den denkbarst gütigen Wirth. Seine Gattin war ebenso bedeutend, wenn auch entschieden schwierig. Sie war schön, begeisterungsfähig, witzig, aber herrisch, launenhaft und von einer berüchtigten Offenheit der Sprache. Noch intimer als in seinem Aufsatz, weniger diskret, aber um so unterhaltender beschreibt Macaulay in seinen Briefen an die Schwester seine etwas gefürchtete Gönnerin, die Lady.
Nennt man die Gäste des Hauses, so hat man fast alle litterarischen und politischen Größen jener Tage genannt. Sheridan, Byron (welcher dem Lord Holland seine Braut von Abydos widmete), Frau v. Staël, die beiden Humboldt waren gern gesehene Gäste. Hier übernachtete Brougham vor seiner großen Vertheidigungsrede der unglücklichen Königin Karoline, eine der liebenswürdigsten Politikerinnen, die Fürstin Liewen, war eine intime Freundin des Hauses. Die Nachfolger dieses Ehepaares, der vierte Lord Holland und seine erst vor kurzem verstorbene Gemahlin waren weniger bedeutsam, pflegten jedoch in würdigster Weise die Familientraditionen. Die eine lange Schloßterrasse, wo jetzt die Kapelle spielte, heißt die Louis Philippe-Allee zum Andenken an den 1848 dort in trüben Gedanken auf und ab gehenden verbannten König. Mit dem Herzog und der Herzogin von Aumale wurde im kleinen, steingefaßten Teich hinter den umwachsenen Arkaden, wo jetzt Theetische aufgeschlagen waren, gefischt, Thiers und Guizot waren oft hier zu Gast.
Ich habe aber fast einen Schreibkrampf bekommen und höre auf. Den prächtigen Bibliotheksaal, in dem Addison dichtete, habe ich vergessen. Besonders schön ist auch der „goldene Ballsaal“ mit modernen Fresken von Watts, der in diesem Hause seine frühesten Gönner fand. Sonst hat er sich wenig verändert, seitdem anläßlich der Vermählung Karls des Ersten und der Henrietta Maria der erste Ball darin gegeben wurde. Jede Generation hat hier seither getanzt und wie viele Hunderte noch ungeborener Menschen werden sich wohl noch auf diesen dunkeln, glatten Eichendielen ergehen!
Nein, das Haus war wirklich unglaublich interessant! Herzlichst und treulichst
Euer
Udo.
V.
Marwood Cottage, Haslemere.
Liebe Eltern!