Udo.
IV.
Liebste Mutter! Also, ich fahre fort. Gestern Nachmittag war ein großes Gartenfest in Holland House und das bedeutet viel; denn Holland House ist vielleicht das berühmteste, traditionsreichste Privathaus Londons.
Mitten aus dem Straßengewimmel gelangt man durch ein schmiedeeisernes Thor in Lord Ilchesters Herrschaft und befindet sich augenblicklich auf dem Land. Allerdings war es eine recht städtische, gedrängte Wagenreihe, welche durch die uralte Ulmenallee dahinfuhr und nur über und zwischen den hellen Federn und Blumen der großen Damenhüte erblickte man weite Wiesen und ferne Bäume. Dann hielten wir vor dem verwitterten, rothgrauen, backsteinernen Gebäude, das man anderswo ruhig ein Schloß benennen würde; lange, in Stein gefaßte Fenster, monumentale, mit gebrannten Thonornamenten verzierte Schornsteine, Vieles an- und dazu gebaut, das Ganze etwa aus der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts. Durch ein weißmarmornes Greifenthor gingen wir gleich in den Garten hinein, unter einer gewaltigen, tiefdunkeln Ceder empfing die Lady ihre immer neu heranfluthenden Gäste, und dann erging man sich in den Lindenalleen, zwischen den Buxbaumbeeten des „holländischen Gartens“, auf den frisch grünen Rasenplätzen, an hellen Statuen vorbei. Mich zog es aber in das Haus hinein; denn eine junge Nichte (es ist zu nett — überall giebt es hier zu Lande Nichten) versprach mir, Alles zu zeigen und zu erklären.
Ein liebenswürdiger, etwas geckenhafter Höfling Karls des Ersten hatte Holland House damals, fern von London, erbaut. Nicht ganz gesinnungsecht, wechselte er während der Bürgerkriege öfter die Farbe. Von dieser Besitzung aus versandte er mit dem General Farifax und andern Parlamentariern einen Erlaß an die Armee, das Jahr darauf ging er wieder zu den Königlichen über und wurde schließlich von den Rebellen zum Tode verurtheilt. Bei Westminster — über den Platz war ich Vormittags gegangen — bestieg er das Schaffot; bis zuletzt hielt er auf’s Aeußere, war in weiß Atlas gekleidet, so spukt er auch zeitweise hier herum. Das Haus wurde dann von mehreren parlamentarischen Generalen bewohnt; Cromwell soll auf einem der Felder mit dem schwerhörigen Ireton sich ausgesprochen haben (hundert und zwanzig Morgen zählt noch heute der Besitz!); schließlich erhielt es die Wittwe zurück. Die Dame war anscheinend lebenslustig und temperamentvoll; denn mitten in der puritanischen Herrschaft, in der alles Theaterwesen in Acht und Bann erklärt wurde, ließ sie hier ruhig Komödie spielen. Ihr Sohn erbte den Titel eines Earl of Warwick und dessen verwittwete Schwiegertochter heirathete den Dichter Addison. Nach Johnson’s Behauptung erinnerten die Ehebedingungen an die Trauungsfeierlichkeiten einer türkischen Prinzessin, bei denen der Sultan erklärt: Tochter, hier gebe ich Dir diesen Mann zum Sklaven! Uebertrieben angenehm hatte es Addison auf jeden Fall nicht.
Dann später erwarb die Fox’sche Familie, die Vorfahren der jetzigen Besitzer, Holland House. Auch sie waren durch Hofgunst gestiegen, ein Fox hatte in Brüssel dem Tennis spielenden Karl dem Zweiten, als erster, den Tod des „Ungeheuers“, des Cromwell, gemeldet. Seit über einem Jahrhundert stand allzeit ein Fox in der vordersten Reihe der englischen Staatsmänner. Der erste Politiker dieser bedeutenden Familie wurde außerdem noch durch einen viel Staub aufwirbelnden Roman mit der Lady Caroline Lennox, Enkelin Karls des Zweiten, berühmt; da die Eltern sie ihm nicht freiwillig gaben, entführte er sie, und die Ehe schlug tadellos aus. Ihr zweiter Sohn war der berühmte Redner und Staatsmann Charles James Fox. Er muß eine fesselnde, widerspruchsvolle Persönlichkeit gewesen sein. Von lockerem Lebenswandel, ein berüchtigt leidenschaftlicher Spieler, war er der warmherzigste Freund und auch ein feingebildeter Mensch, welcher z. B. alljährlich den Homer von Anfang bis zu Ende in der Ursprache las. Von ihm wurde 1831 geschrieben: „Noch jetzt, nach fünf und zwanzig Jahren, giebt es Leute, welche keine Viertelstunde über Charles Fox sprechen können, ohne Thränen zu vergießen.“ Aus dem Fenster zeigte man mir die Stelle, an der damals eine alte Steinmauer stand. Der zum Lord Holland erhobene Vater versprach dem Knaben, bei dem Niederreißen derselben zugegen zu sein. Aus Versehen geschah es jedoch in Charles Abwesenheit, und um selbst einem Kind gegenüber das Wort zu halten, gab der Vater den Befehl, die Mauer wieder aufzuführen und in der Gegenwart des Sohnes noch einmal niederzureißen. Mit feinsinniger Liebe zur Natur ausgestattet, hing Charles zeitlebens an der schönen Familienbesitzung; kurz vor seinem Tod wanderte er in den Alleen umher, wehmüthig die erinnerungsreichen Stätten betrachtend.
Dann zeigte man mir eine der Perlen unter den Gemälden, einen berühmten Sir Joshua. Eben derselbe Charles Fox steht als vierzehnjähriger Knabe vor einem Fenster von Holland House, aus welchem die schöne, blutjunge Schwester seiner Mutter, die Lady Sarah Lennox herausblickt, während ihre Freundin, Lady Susan Strangways ihr eine Taube heraufreicht. Auch diese jungen Mädchen wurden ihrer Zeit viel genannt, auf beiden ruht der Schimmer einer romanhaften Neigung.
Nach dem Tode ihrer Eltern war Lady Sarah zur Schwester gezogen. Hier, auf einem jener Felder, an denen Hoyen und ich eben vorbeigekommen waren, machte sie am Junimorgen Heu in phantastisch ländlicher Tracht, und der junge König Georg der Dritte ritt vorbei und verliebte sich sterblich. Auf das Ernsteste bemühte er sich, sie zur Gattin zu erringen, brachte die Angelegenheit vor den Thronrath, doch mahnte dieser energisch ab. Aber auch jetzt noch hätte die schöne Lady Sarah wahrscheinlich die Krone erringen können, wäre sie ehrgeiziger oder temperamentvoller gewesen. Sie that nichts, gab kein Zeichen und der König verlobte sich mit der mecklenburgischen Prinzeß. Vielleicht, da es wirklich zu spät war, bedauerte sie ihre Kälte, aber sie plaudert mit gutem Humor über die Unbeständigkeit des Souverains in ihren Briefen. (Ein großes Prachtwerk über Holland House gab mir meine liebenswürdige Führerin zum Nachlesen und Nachschlagen mit.) Bei der feierlichen Hochzeit und Krönung war sie natürlich die meist beachtete Brautjungfer, war, wie Horace Walpole schreibt, „engelhaft schön.“ Der junge König wandte während der ganzen Feierlichkeit seine Blicke nicht von ihr. Das Jahr darauf heirathete sie einen Landjunker aus Suffolk, fand ein ruhiges Glück.