London.
Vielen Dank, cara Mutter, für Deinen lieben Brief, auch für die willkommene Nachricht, daß Onkel Krastenow gern auf Reiseberichte verzichtet und sie für Unfug hält. Wie recht hat der Mann!
Eben werden meine sieben Sachen gepackt, da wir den Sonntag über einen Künstler in Surrey, etwa zwei Stunden von hier, zu besuchen gedenken. Wir hatten mehrere solcher freundlichen Aufforderungen erhalten, denn viele bekannte Familien haben eine Besitzung in der Nähe von London und füllen während der ganzen „Season“ allwöchentlich von Sonnabend bis Montag ihr Haus mit Gästen. Als aber Hoyen eine, sich auch auf mich erstreckende Einladung zu einem jungen Ehepaar in kleinen Verhältnissen erwähnte, optirte ich für diese, denn der Abwechslung halber sehnte ich mich nach Leuten mit weniger als zwanzigtausend Thaler Einkünften. Dies wäre nach Hoyen das Minimum für Londoner gesellige Verhältnisse, darunter kann man gerade zur Noth „existiren“, aber absolut nichts „mitmachen“.
Es liegt aber bereits ein gutes Tagewerk hinter mir; ganz früh, d. h. um zehn Uhr, ritten wir mit dem hierher auf ein Jahr commandirten Hans Quilow im Hyde-Park, ich auf einem mir vom Botschafter gütigst zur Verfügung gestellten Rappen. Hoyen wurde elegisch und klagte über fin de siècle, Verkommenheit. Bis vor wenigen Jahren ritt man nämlich zwischen halb zwölf und halb zwei im Cylinder und tadellosen, fest anschließenden Reitanzug; wie er behauptete, ein Anblick für Götter. Jetzt thun das nur noch zurückgebliebene Leute aus der Provinz, und Alles, was etwas auf sich hält, reitet frühmorgens, die Herren in bequemen, ausgetragenen, grauen Röcken, die Damen in Blousen und flatternden Jäckchen — Alle aber in Filz- oder Matrosenhüten — „complete Demoralisation“. Quilow und ich waren jedoch harmlos genug, um uns rückhaltlos an den wundervollen Pferden und an dem für unsere Begriffe fast unerlaubt naturwüchsigen, aber doch famos sicheren Sitz dieser Hunderte von Reitern und Reiterinnen zu freuen. Uebrigens erklärte man mir später, daß die Ursache eines frühen, zwanglosen Reitens in dem wachsenden Einfluß der beschäftigten jungen Männer zu suchen sei. Als die Damen merkten, daß die Mehrheit ihrer Tänzer und guten Bekannten früh, d. h. vor ihrer Arbeit in den Ministerien, in der City oder in den Justizgebäuden, ritten und daß nur die kleine Minderheit der Nichtsthuer später im Park zu haben sei, änderten auch sie ihre Gewohnheiten. Ohnehin ist es für unsere Anschauungen etwas anwidernd, Mittags, um die schönste Tageszeit, dieser Anzahl sorgfältig angezogener herumschlendernder Herren im Park zu begegnen. Und so hat diese „Verwilderung“ des Reitanzugs vielleicht sogar etwas für sich!
Bald trennte ich mich vom „corrupten Westen“ und begab mich wieder nach einem armen, verkommenen Stadttheil im Osten. Die Miß Mount Dawling hatte mich gestern Abend mit einem jungen Juristen bekannt gemacht, der nun in Toynbee Hall mich erwartete. In diesem Institut verleben mehrere Dutzend junger Männer aus den gebildetsten, auch aus den vornehmsten Ständen einige Jahre nach der Universitätszeit, verfolgen ihr Studienfach, widmen jedoch ihre freien Stunden den verschiedensten philanthropischen Bestrebungen. Hier unterrichten sie Abends die Knaben und Männer dieser hauptsächlich aus Fabrikarbeitern bestehenden Bevölkerung in den Schulfächern, in Nationalökonomie, Religion oder Kunstgeschichte. Hier leiten sie Gesang-, Schwimm-, Turm-, Cricket- und Fußballvereine, hier werden „historische Gänge“ durch London, sowie Ausflüge in der Umgegend vorgenommen, normale Arbeiterwohnungen verwaltet und Krankenkassen errichtet. Kurz, diese freiwilligen Arbeiter wollen praktische Fühlung mit ihren ärmeren Mitmenschen gewinnen und einen festen Mittelpunkt für die philanthropischen Bestrebungen bilden.
Als ich Mr. Julian Gard, einem hübschen, eleganten, jungen Menschen, meine Bewunderung aussprach, wies er mein Lob sehr bescheiden von sich und behauptete, daß er und seine Freunde weit mehr gelernt als gelehrt hätten, daß, wenn auch dieses jetzt etwa fünfzehn Jahre bestehende Toynbee Hall einen erfreulichen, manchmal überraschend günstigen Einfluß auf die Umgegend ausgeübt hätte, der Nutzen auf die jungen künftigen Politiker, Geistlichen, Juristen oder Nationalökonomen ein ebenso ausgesprochener wäre. Etwas verlegen fuhr er fort: „Diese manchmal etwas ungeschlacht und verwildert aussehenden Männer und Knaben machen einem auch größere Freude als Sie vielleicht denken; es ist unglaublich, wie anhänglich sie sich oft erweisen, wie schnell man sich an einander gewöhnt.“ Dabei ist dies die verrufenste Gegend von ganz London, aus Gard’s künstlerisch eingerichtetem Zimmer sah man auf den Schauplatz des einen „Whitechapel-Mordes“, und vom Tennisplatz, im hinteren von Epheu bekleideten Hof des schlichten, aber geschmackvoll vornehmen Backsteingebäudes erblickte man die Fenster, hinter denen eine andere dieser Scheußlichkeiten geschah. Gard fuhr fort: „Unsere Thätigkeit ist vielleicht nur ein Tropfen, aber der ist von intensiver Farbe und färbt weithin das Wasser. Wir sind auch keineswegs muthlos, und überall, inmitten dieser entsetzlich großen, zusammengepferchten Bevölkerung arbeiten ähnliche Genossen und Genossinnen.“ Er gefiel mir recht gut, und gern hätte ich manche Frage mit ihm erörtert, um statt blutloser Theorien diese eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zu hören, aber schon mußte ich nach der Uhr sehen und mich schleunigst in die Bahn setzen, da mich ein verabschiedeter indischer Oberst in South Kensington zum Luncheon erwartete.
So kam ich denn auch in diese beliebte Gegend, wo um das altmodische Schloß und den gradlinigen, schattigen Park ein nagelneues Viertel roth backsteinerner, „stilvoller“ Gebäude sich erhebt.
Im Wohnzimmer des Obersten angelangt, prallte ich zurück; denn vor mir erhoben sich drei ältliche Fräuleins, und nur zu gut erkannte ich die eiserne Unerbittlichkeit dieser schnurgeraden, sogenannt weiblichen Gestalten, das mechanische Lächeln dieser großen, blassen Lippen. Es waren dieselben Engländerinnen, welche in Mürren mich an das jüngste Gericht mahnten, als ich Sonntags einen Ausflug unternahm; welche mir, höchst unpassender Weise, eigenhändig Tractate in mein Schlafzimmer brachten und mich erfolglos anflehten, einen Temperenzlerverein in Deutschland zu gründen. Auch ihnen schien die Begegnung eine ebenso unerwartete, wenn auch leider nicht so unliebsame wie mir. Jedes, auch das geringste Opferlamm mag ihnen willkommen sein, und sie setzten mir armen Wurm auf das Weidlichste zu. Religion und Wassertrinken wurde zwar auch während des ewiglangen Frühstücks breit getreten, doch war augenblicklich Vivisection das beliebteste Steckenpferd, und daß ich trotz aller haarklein geschilderten Greuel des Secirtisches doch noch Lammrücken mit mint sauce herunter kriegte, spricht entschieden für meine unangekränkelte Natur. Der Oberst versuchte mehrmals das Gespräch an sich zu reißen, doch erwies sich die Phalanx der Töchter zu stark; er mußte den augenscheinlich besonders geliebten Klang der eigenen Stimme entbehren bis er mich den Fräuleins entwand und nach der indischen Abtheilung von South Kensington-Museum entführte. Das war nämlich die Verabredung gewesen und erfüllt, wie ich von meinem Rudyard Kipling nun einmal bin, hatte ich mich ganz besonders auf eine sachkundige Leitung durch diese märchenhaften Schätze gefreut. Allerdings erzählte er viel — sehr viel — über Indien, als er aber die Ränke, welche seine frühzeitige Pensionirung zur Folge hatten, die Günstlingswirtschaft der Behörden und die Ungerechtigkeit der Rupee-Währungsverhältnisse in genügender Vielseitigkeit beleuchtet hatte, flüchtete ich, gänzlich erschöpft.
Und jetzt ertönt schon Hoyen’s mahnende Stimme. — Zärtlichst küßt Dir die Hand
Dein