Den Reigen eröffnete Mac Swiney, ein Nebenbuhler Parnell’s, und mit geballter Faust schmetterte er leidenschaftliche Anklagen gegen die Regierung, gegen Balfour (den irischen Staatssecretär) heraus. In immer heftigeres Feuer gerieth der kleine, etwas aufgedunsene Celte, er schäumte vor dem Mund, es zuckten ihm die Glieder.

Auf der Ministerbank dehnte sich der lange irische Staatssecretär; sein überkreuzter, sorgfältig beschuhter Fuß war in gleicher Höhe mit dem hintenüber gesunkenen vergeistigten, etwas blasirten Gesicht, sanft waren die Augen geschlossen.

Da hörten die schrill geschrienen Perioden auf, und nachdem der frenetische Jubel der Iren verbraust war, erhob sich langsam Balfour’s schlanke, noch jugendliche Gestalt. Mit gedämpfter, nachlässiger Stimme bat er um Entschuldigung, wenn er den persönlichen Anklagen des verehrten Mitgliedes für X..... augenblicklich nicht die nöthige Aufmerksamkeit zuwenden sollte. Es wäre manchmal etwas schwer, mit der nöthigen Frische zu reagiren, unwillkürlich stumpfte das Gefühl sich ab. Und aus der Tasche einige Zeitungsabschnitte irischer Localblätter ziehend, verlas er mit milder, matter Stimme einige gegen ihn geschleuderte rabiate Beschuldigungen, die in ihrer unfreiwilligen Komik geradezu zündend wirkten. Dann reckte er sich etwas in die Höhe und widerlegte an der Hand statistischer Zahlen und officieller Berichte die Behauptungen des Vorredners.

Unterdessen war Gladstone hereingetreten und saß Balfour gegenüber, weit vorgebeugt, die Hand am Ohr, seinen jungen Nebenbuhler mit den tief auflodernden Augen verschlingend. Dann erhob er sich zum Wort, nur der Tisch des Hauses trennte die Beiden, trennte den gewaltigen Führer vergangener Generationen von dem Führer einer kommenden. Gemessen und würdevoll rollte das reiche Gefüge der glänzenden, tönenden Sätze dahin, den berühmten „goldenen“ Klang seiner Stimme hatten die mehr als achtzig Jahre nicht gedämpft; er ist ein imponirender Greis. Es war eine prachtvolle oratorische Leistung, und ich weiß nicht, weshalb sie mich nicht so hinriß wie die schneidende, geistvolle, jetzt leidenschaftlich bewegte Entgegnung Balfour’s.

Was nun noch folgte, fiel außerordentlich ab; gern nahmen wir die Einladung eines Abgeordneten an und gelangten durch lange, gothische Gänge in die natürlich ebenfalls gothischen Speiseräume, wo man zwischen acht und neun zu Mittag ißt, während im Sitzungssaal einige redebegierige Lückenbüßer die Stenographen beschäftigen. Da Lord Randolph Churchill, auf den ich mich gespitzt hatte, schließlich doch nicht sprechen wollte, empfahlen wir uns nach Tisch, und wieder kramte Hoyen aus seiner Tasche eine Menge Einladungskarten zum heutigen Abend hervor, um einen sinnreichen Schlachtplan zu entwerfen. Dann fiel ihm ein, daß er einer guten Bekannten schon lange versprochen hatte, ihre Schöpfung, ein „Music Hall“ im Osten Londons, zu besuchen, und da dieses mir durchaus einleuchtete, gelangten wir auf der Stadtbahn in eine der schlimmsten Gegenden des schlimmen Londoner Ostens.

Vor einem großen, hell erleuchteten Gebäude hielten wir an, lösten Billete (Fremdenloge zu einer Mark) und befanden uns in einem stattlichen roth und gold ausgemalten Theaterraum. Auf der offenen Scene sang eine Dame im Ballstaat ein gefühlvolles Lied, den Zuschauerraum füllte eine ärmlich gekleidete Menge, welche aufmerksam lauschte und am Schluß der Ballade lebhaften Beifall spendete. Die Schriftführerin, Miß Mount Dawling, hatte Hoyen erkannt, setzte sich zu uns und erzählte, wie einige wohlhabende Bekannte sich vor etwa fünf Jahren zusammengethan und dieses im allerschlimmsten Verruf stehende „Music Hall“ (Tingel-Tangel) aufgekauft hätten. Sie wünschten recht allmälig vorzugehen und deshalb Theile des alten Repertoires mit herüberzunehmen, doch war unter den Hunderten von Liedern kein einziges unanstößiges zu finden. Jetzt gibt es dreimal wöchentlich richtige Music-Hall-Vorstellungen mit leichten, aber anständigen Liedern, mit Tausendkünstlern und Specialitäten aller Art; an einem Abend findet, wie heute, ein besseres Concert statt, zu dem man oft recht bedeutende Künstler heranholt, an einem anderen Abend gibt es populäre wissenschaftliche Vorträge mit Transparentbildern, einmal wöchentlich veranstalten vornehme Damen und Herren aus dem Westen ein Dilettantenconcert, und jeden Sonntag gibt es geistliche Musik. Alle Vorstellungen werden von der nur den untersten Schichten angehörenden dichtbevölkerten Nachbarschaft gut besucht, das geringe Eintrittsgeld wird gern bezahlt und in ganz auffallender, unverhoffter Weise hat sich das Benehmen dieser Leute verändert. Während sonst tumultuarische Auftritte und der schlimmste „Radau“ in einem fort die frühzeitige Schließung der Vorstellungen bedingte, während sonst, trotz einer ständigen Polizeiabtheilung, mehrere Morde alljährlich in diesen nämlichen Räumen stattfanden, wird jetzt auch die kleinste Ruhestörung, auch die geringste Unschicklichkeit von den Zuschauern selbst durch unweigerliche Entfernung des Schuldigen bestraft. Früher war es durchgängig Sitte, daß die jungen Fabrikarbeiterinnen auf dem Schoß ihrer Begleiter saßen, nachdem ihnen aber Seitens der stets anwesenden Vorstandsdamen nahegelegt wurde, daß solches Betragen nicht recht „ladylike“ und hübsch sei, unterblieb es. Während einer Pause gingen wir in den breiten Gängen und Erholungsräumen, wo leichte Erfrischungen zu kaufen waren, herum, und unsere Begleiterin unterhielt sich mit einigen ihrer besonderen Freunde, Waschfrauen, Briefträgern, Ladenmädchen, Werftarbeitern und dergl. Die größte Ueberraschung des Abends war aber vielleicht die spontane Begeisterung, welche eine neu aufgefundene, verzopfte Händel’sche Arie erweckte. Dieselbe war in der That schön, doch hätte man sie bei uns nur etwa einem Singakademie-Publicum zu bieten gewagt, und ich constatire diesen Geschmack des als unmusikalisch verschrieenen englischen Volkes, ohne eine Erklärung zu bieten. Auch ist es Zeit, zu schließen — ich umarme Alle, und Thilda ganz besonders.

Euer
Udo.

III.