Dein alter
Udo.

VIII.

Harting Hall, Woxstead.

Lieber Vater!

Es freut mich sehr, daß Du meine bisherigen Reisepläne gebilligt hast, und ich hoffe, daß Dir die Ausdehnung meines hiesigen Besuches ebenso zusagen möge.

Dir erscheinen meine Berichte zu rosenfarbig, was durch die unverdient freundliche Aufnahme sich wohl erklären läßt. Auch glaube ich wirklich, daß manche in deutschen Zeitungen unverhältnißmäßig aufgebauschten socialen und wirthschaftlichen Krisen erst durch einen Aufenthalt im Lande in die richtige Perspective gerückt werden. Zweifellos sind all’ die so oft hervorgehobenen Schäden thatsächlich vorhanden, doch besitzt dieser lebensstrotzende, bewußt mit der Zeit gehende Organismus eine ungeheure Fähigkeit, die Schäden zu überwinden. Dies scheint mir wenigstens das Ergebnis meiner Beobachtungen, wie mancher Gespräche mit recht verschiedenen Leuten zu sein.

Der guten Mutter hingegen machen augenscheinlich die englischen Zustände einen zu idealen Eindruck; wenn auch das Leben hier reich und harmonisch verläuft, so wird doch selbst von den beneideten Engländerinnen ganz tüchtig gearbeitet, allerdings in oft anderer Weise als bei uns. Schon allein die Correspondenz! Agneta und ihre Mutter weihten mich neulich in die allmorgendlich ankommenden Stöße von „Geschäftsbriefen“ ein. Da empfahl man ein neues Mitglied des Zweigvereins der großen Girls Friendly Society, welcher Hunderttausende über ganz England verstreuter junger Dienstmädchen, Verkäuferinnen und Fabrikarbeiterinnen angehören, da kamen Mittheilungen wegen einer bald zu veranstaltenden Unterhaltung für die Dorfleute, sogenannte Penny Readings, in denen jeder seine zehn Pfennige Eintrittsgeld zahlt, und die Gutsherrschaft mit der Pastorsfamilie für Musik, Declamation oder Vorlesungen sorgt. Dann gab es Berichte über die letzte Sitzung der Liberal Women’s Association, welche dem zunehmenden Einfluß der großen, auch von Frauen geleiteten, stockconservativen Primrose League entgegenzusteuern versucht. Dann folgte eine unorthographische, komische Beschwerde, welche die Eltern eines bestraften Schulkindes an Mrs. Farringham richteten, da dieselbe zum hiesigen School Board, der von der Gemeinde berufenen, auch Frauen zugänglichen Schulcommission gehört, und schließlich kamen Anfragen wegen des alljährlich in Garten und Park gehaltenen Stiftungsfestes des hiesigen Mäßigkeitsvereins. Außerdem bekümmern sich die Damen um die örtliche Krankenkasse, den Consumverein und den Arbeiterclub. Außerdem hat die Agneta im Dorfe eine Abendclasse für halb erwachsene Knaben, denen sie Holzschnitzerei lehrt, gute Muster und Aufträge verschafft. Wie ich von Gutsnachbarn hörte, soll sie einen außerordentlichen Einfluß auf diese leicht verwildernden jungen Leute gewonnen haben. Außerdem betheiligt sie sich an einer von Cambridge aus geleiteten Vereinigung, welche verständnißvolle Lectüre der deutschen und französischen Classiker bezweckt, und da sie sich lebhaft für ihren Garten interessiert, gehört sie noch zu einem Cirkel für botanisches Blumenmalen.

Zu alle diesem kommt aber auch noch die, durch eine rege, auf das ganze Jahr vertheilte Geselligkeit bedingte Correspondenz, von Familienergüssen gar nicht zu reden, und so gehört stundenlanges Briefschreiben zur täglichen Last einer Engländerin. Nur so erklärt sich auch der übliche, knappe, mehr als kunstlose Stil, die meistentheils erschreckend geniale Handschrift. Während ich jetzt in einer Ecke der Halle diese Epistel verfasse, höre ich aus allen umherliegenden Zimmern das leidenschaftliche Federgekritzel der übrigen Hausbewohner, welche vor Abgang der Post ihre heutigen Pflichten zu erledigen versuchen.

Eine neue Garnitur Gäste ist inzwischen erschienen, und als die Farringham’s mich zum längeren Verweilen nötigten, hielten sie es für ihre Pflicht, mich auf die erwarteten, milde gesagt, wenig aufregenden Besucher vorzubereiten. Zum Todtlachen sind sie auch nicht — dafür aber äußerst brav und wohlwollend. Der alte Earl of Marsh, eine würdevolle, schweigsame Mumie, galt seiner Zeit für den tüchtigsten Classiker seines Oxforder Jahrganges; seine Frau ist Mrs. Farringham’s Schwester, ebenfalls gescheidt, aber weit strenger und einseitiger als diese. Das Ehepaar ist hochgradig religiös-philanthropisch, beide reden in größeren und kleineren Versammlungen, haben mehrere sich gut bewährende Wohlthätigkeitseinrichtungen ins Leben gerufen und einen beträchtlichen Teil ihrer verhältnißmäßig geringen Einkünfte auf dieselben verwandt. Außerdem ist Mrs. Polmache hier; Wittwe eines bekannten Bischofs, besitzt sie eine ausgeprägte dogmatisch kirchengeschichtliche Ader, erscheint frühmorgens mit den neuesten „religiösen“ Streitschriften unterm Arm und hockt zu allen Tagesstunden an irgend einem Schreibtisch, um Aufsätze und Besprechungen für kirchliche Zeitungen zu liefern. (Es ist übrigens auffallend, wie viele Männer und Frauen gerade aus den oberen gesellschaftlichen Kreisen sich an den Wochen- und Monatsschriften betheiligen und mit welcher rührenden Wichtigkeit sie von ihren eingeheimsten Honoraren reden!) Schließlich gibt es noch ein junges Ehepaar, Willoughby Greene, aus der Nachbarschaft; er ist Agent der conservativen Partei, wühlt schon jetzt für die kommenden Wahlen und überfließt von klingenden Schlagwörtern und überzeugender Statistik. Seiner stillen Frau sieht man die berühmte Parforcereiterin nicht an; zum Kummer der Familie ist ihre schöne, junge Schwester plötzlich in die Heilsarmee übergetreten und befindet sich augenblicklich in Paris, wo sie allabendlich auf den Boulevards die Flugblätter zum Verkaufe anbietet!